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FörderschuleInklusion - Mythen und Fakten

Verkaufsschlager Förderschule? Warum weiterhin in ein gescheitertes System investiert wird.

06.04.2020 - von Lisa Reimann

In Berlin sollen 800 neue Plätze an den Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung entstehen. Beifall. Modulare Ergänzungsbauten sorgen dafür, dass mehr Plätze entstehen und die Klassen an den Förderschulen wieder kleiner werden. Bravo. Genau so funktioniert Inklusion NICHT. Doch warum ist das so? Ist die Förderschule ein Verkaufsschlager?

Ja, die Schulen platzen aus allen Nähten. Irgendwie konnte niemand vorhersehen, dass aus vielen Babys mal viele Schüler*innen werden. Auch die Förderschulen sind voll. Die Förderschulquote nimmt nicht ab, weil der Ausbau eines inklusiven Bildungssystems nur halbherzig umgesetzt wird. Warum nicht aus den Förderschulen schöne inklusive Schulen machen? Ach ja, das ist nicht gewünscht. Inklusion wird lieber am Grad der Behinderung festgemacht, was menschenrechtlich völlig absurd ist. Kinder mit dem Förderbedarf Lernen, Sprache oder emotionale-soziale Entwicklung dürfen inklusive Bildung genießen. Es sind die Kinder, die ohnehin an die Grundschule vor Ort kommen und einfach diesen Bedarf im Laufe ihrer Schulzeit diagnostiziert bekommen. Die Anzahl der Kinder an Förderschulen wird dabei nicht weniger. Kinder mit kognitiver Behinderung, Kinder mit so genannter „schwerer Mehrfachbehinderung“ oder Kinder mit Autismus? Bitteschön dahinten ist die Förderschule.

Teuer aber uneffektiv

Warum glauben viele an das Gute an den Förderschulen? Gute Förderung? Kleine Klassen? Angebliche Spezialist*innen? Gute Ausstattung? Rundumpaket mit Fahrdienst? Eigene Krankenpfleger*in? Warum denken viele, Kinder mit Behinderungen wären an Förderschulen besser aufgehoben? Wieso denken zu wenige: Soziale Isolation! Institutionelle Diskriminierung! Schlechte Lernleistungen! Schamgefühl und negatives Selbstkonzept! Keine Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt! Menschenrechtsethisch nicht haltbar! Trennung der Gesellschaft!

Radikale Thesen? Hier der Faktencheck: Diverse Studien haben nachgewiesen, dass Kinder mit Förderbedarf im inklusiven Unterricht:

• mehr lernen• erfolgreicher sind• besser abschneiden als vergleichbare Schüler*innen an Förderschulen• weniger von Stigmatisierung betroffen sind• durch die lernreiche Umgebung eher in der Lage sind einen Schulabschluss zu erreichen• ein positiveres Selbstkonzept entwickeln• bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Alle Studien zum Lernerfolg zeigen, dass die Mehrheit der behinderten Kinder in der Regelschule größere Fortschritte macht als in der Förderschule – und öfter einen Schulabschluss erreicht, der berufliche Perspektiven eröffnet“ (Prof. Klaus Klemm 2014, Südwest Presse).

Menschenrechte gelten für alle Kinder, unabhängig vom Grad der Behinderung. Auch Kinder mit basalen Lernbedürfnissen („Schwerer Mehrfachbehinderung“), Kinder mit Autismus und Kinder mit dem Förderbedarf emotionale-soziale Entwicklung profitieren vom Gemeinsamen Unterricht. Studien zeigen auch, dass Nichtbehinderte Kinder nicht benachteiligt werden. Im Gegenteil: Sie lernen entweder genau so gut wie in Klassen ohne Kinder mit Förderbedarf oder besser. Zusätzlich werden Empathie, Rücksichtnahme und der Fokus auf die unterschiedlichen Bedürfnisse gefördert.

Warum meinen trotzdem viele, dass eine Förderschule für bestimmte Kinder mit Behinderung die bessere Alternative ist? Genau, weil sie eben als eine Alternative gesehen wird und im Schulsystem vorgesehen ist. Und weil viele Inklusion nicht erlebt haben. Die meisten Erwachsenen hatten keine Mitschüler*innen mit Behinderungen. Ich hatte welche, und das war mir völlig egal, weil ich sie nicht als behindert wahrnahm, sie waren einfach meine Mitschüler*innen.

Aufgrund der Doppelstruktur und den „Alternativen“ Förderschulen kann sich ein inklusives Schulsystem nicht entwickeln. Es ist eine halbherzige Umsetzung von Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention, bei dem es nur langsam vorwärts geht. Warum? Weil sich der Glaube an das Gute der Förderschule hartnäckig hält, weil „Behinderung“ noch immer Ängste erzeugt. Vorurteile und die Panik vor sozialer Durchmischen und heterogenen Gruppen werden durch die Inklusionsidee mitunter größer statt kleiner.

Das Geld fließt zu wenig in ein inklusives Schulsystem. Förderschulen werden keiner kritischen Analyse unterzogen. Hier wird kaum gefragt, warum diese Schulform ineffektiv und kostenintensiv ist. Fast überall tanzt die Politik auf zwei Hochzeiten gleichzeitig. Man will das Recht auf inklusive Bildung umsetzen und gleichzeitig das Förderschulsystem erhalten. Der zuständige UN-Fachausschuss sagt klar, dass es so nicht geht und ist besorgt über diese Entwicklung.

Artikel 24 fordert eine radikale Abkehr vom Förderschulwesen. Doch anstatt das Inklusionsrecht des Kindes umzusetzen, wird von Wahlfreiheit gesprochen. Auf einmal ist das Elternwahlrecht kein Problem mehr. Über zehn Jahre nach dem Inkrafttreten der Konvention und der Tatsache, dass die Förderschulquote nicht zurückgeht, muss festgestellt werden: Das Elternwahlrecht ist gescheitert. Bildungsexpert*innen sagen sogar: Je freier der Elternwille, desto unfairer der Bildungsverlauf. Auch Eltern ohne Abitur schicken ihre Kinder eher an die Sekundar-/Haupt- oder Realschule anstatt auf das Gymnasium, auch wenn das Kind die entsprechende Empfehlung hat. Warum also meinen Bildungspolitiker*innen gönnerhaft, die Eltern sollten wählen dürfen, wo es doch gar keine richtige Wahl ist? Bingo: das Förderschulsystem bleibt bestehen. Entweder wird der Zusammenhang nicht gesehen und die Dokumente schlicht überlesen oder aber man will es nicht. Ja, Inklusion ist nicht gewollt. 

Elternwahl stimmt nur bedingt

Das Elternwahlrecht wird als Argument benutzt um Förderschulen nicht schließen zu müssen. Aus der Konvention lässt sich aber kein Wahlrecht ableiten und wieso sollte eine nachweislich schädliche Schulform gewählt werden dürfen. Bei der Auflösung der Hauptschule und der Erschaffung der Sekundarschule hat sich auch niemand aufgeregt.

Zudem kann von einem echten Wahlrecht nicht die Rede sein. Denn die Eltern haben nun mal nur die Wahl zwischen einer schlecht ausgestatteten allgemeinen Schule, an der sie um alles kämpfen müssen und einer Förderschule, an der alles flutscht, die aber weiter weg ist (teilweise verbringen die Kinder über eine Stunde am Tag im Schultransport) und extrem selektiv wirkt. In einer aktuellen Anfrage hat die Berliner Bildungsverwaltung bewiesen (Drucksache 18 / 22 506 siehe unten), dass sie der Tatsachen nicht ins Auge sehen will:

Nicht etwa die mangelnde Ausstattung sei Schuld daran ist, dass gerade Kinder mit kognitiven Behinderungen die Förderschule besuchen, sondern die Eltern, die Inklusion schlicht nicht wollen würden. Beide Systeme seien gleichwertig. Jedes Elternteil und jede Lehrperson, die engagiert versucht Inklusion umzusetzen, kann erzählen wie schwierig die Bedingung mitunter sind (Schulhelfer*innenbewilligung, Sonderpädagog*innen, räumliche und sächliche Ausstattung, Barrierefreiheit, Vorurteile) Das Kartenhaus ist so fragil, nur der Krankheitstag einer Hilfskraft bringt es zum Einstürzen.

Eine inklusive Schule vor Ort, an der das Kind mit Förderbedarf die Hilfe bekommt, die es auch benötigt, wäre wohl für die wenigsten ein Problem. Dafür braucht es aber auch die entsprechenden Räume, Materialien und Bedingungen:

Das Kind braucht viele Ruhe und hält große Gruppen nicht aus? Kein Problem: Es gibt Rückzugsräume und die Möglichkeit in kleinen Gruppen zu lernen.

Das Kind benötigt eine permanente Betreuung, weil es sonst Stecknadeln isst, die Stühle umschmeißt und in jeden Haarschopf reingreift, den es erwischt? Kein Problem: Hier ist das benötigte Personal, was nicht abgerückt wird, wenn jemand im Team krank wird.

Die Hilfe muss dem Kind folgen, nicht umgekehrt. Es kann nicht sein, dass sich Eltern nur aufgrund der Bedingungen, wie kleine Klassen oder mehr Personal, für die Förderschule entscheiden, obwohl sie eigentlich Inklusion bevorzugen.

Es fehlt an ernsthaftem Willen

Während man Menschen mit anderen AGG-Merkmalen (Merkmalen des Allgemein Gleichbehandlungsgesetz) nicht auf separate Schulen schicken kann, biete sich das Beiseiteschieben der Minderheit von Menschen mit Behinderungen an. Schließlich gibt es das Scheinargument der besseren Förderung. „Sie fühlen sich wohl unter ihresgleichen“, „sie können besser lernen an einer Förderschule“, „eine geschützte Werkstatt ist das einzige was dieser Mensch verkraftet“, „ein Behindertenheim am Stadtrand mit eigenem Supermarkt im Grünen ist doch besser als ein Leben unter lauter Nichtbehinderten“. Immer schön weit weg.

Nein, es geht bei dem Schutz der Förderschule nicht um gute Förderung. Es geht um das Beibehalten des jetzigen Systems und einer weiterhin gewollten Trennung von Kindern mit und ohne Behinderung. Wenn Inklusion schlecht läuft an allgemeinen Schulen, dann muss sie besser werden.

Das gute an Förderschulen ist, dass sie den Finger in die demokratische Wunde legen. Das gute ist, dass das Förderschulsystem uns aufhorchen lässt, ob eine Trennung von Kindern aufgrund eines Merkmals sich mit Chancengleichheit und Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit vereinbaren lässt. Das gute an Förderschulen ist, dass wir begreifen, dass Diskriminierung kein individuelles, sondern tief in der Gesellschaft verankertes Problem ist. Wenn wir eine inklusive, antidiskriminierende Gesellschaft wollen, brauchen wir ein inklusives Schulsystem und die Schließung der Förderschulen.

Förderschulen auf die Reste Rampe.

Verkaufsschlager werden die inklusiven allgemeinen Schulen - also alle bitteschön.

 

weitere Infos zu Hintergründen:

Weitere Texte der Autorin https://inklusionsfakten.de/lisa-reimann/

Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Lars Düsterhöft (SPD) vom 23. Januar 2020 (Eingang beim Abgeordnetenhaus am 30. Januar 2020) zum Thema: Wie steht die Bildungsverwaltung zu Menschenrechtsdokumenten zum Recht auf inklusive Bildung? Drucksache 18 / 22 506

Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Lars Düsterhöft (SPD) vom 23. Januar 2020 (Eingang beim Abgeordnetenhaus am 30. Januar 2020) zum Thema: Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention im Verhältnis zum Förderschulwesen: Drucksache 18 / 22 505