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blz 06 / 2005Jüdische Schulen unterm Hakenkreuz

"Alles Erziehen ist vor allem ein Behüten" - Jüdische Schule in Berlin während der Zeit des Nationalsozialismus.

01.06.2005 - Martin-Heinz Ehlert

Dieses Zitat des Rabbiners und Vorsitzenden der "Reichsvertretung der deutschen Juden" Leo Baeck war von 1933 bis zum Ende des jüdischen Schulwesens im Juni 1942 die Richtschnur für alle Bemühungen der Schulverwaltung, den jüdischen Kindern in dieser Notzeit wenigstens in den Schulen eine Zuflucht zu bieten und sie vor der immer feindlicher werdenden Umwelt zu behüten. Denn nirgendwo, und das ist bis heute wenig bekannt, wirkte sich der 1933 offen zutage tretende Antisemitismus so unmittelbar und verheerend aus wie an den öffentlichen Schulen.

Obwohl es bis 1938 keine staatliche Verordnung gab, die den jüdischen Kindern den Besuch öffentlicher Schulen verbot, verließen viele wegen der immer unerträglicher werdenden Atmosphäre ihre Schulen und wechselten auf die wenigen jüdischen. So stiegen z. B. die Schülerzahlen an der Volksschule in der Rykestraße im Bezirk Prenzlauer Berg von 170 auf 750, so dass einige Klassen in der Auguststraße untergebracht werden mussten und auf dem Schulhof eine Baracke errichtet wurde. Auch bei der privaten Theodor-Herzl- Schule in Charlottenburg hatte sich die Schülerzahl innerhalb kürzester Frist verdreifacht. So musste ein Fabrikgebäude am Kaiserdamm angemietet und zu einem Schulgebäude umgebaut werden. Diese räumlichen Probleme konnten bald gelöst werden, aber andere, weitaus größere bereiteten der Schulverwaltung der Reichsvertretung fast unüberwindbare Schwierigkeiten: von heute auf morgen mussten neue Schulbücher und anderes Lehrmaterial geschaffen werden, denn die durch die Nationalsozialisten neu gestalteten Unterrichtsmittel der öffentlichen Schulen waren für die jüdischen Schulen wegen des propagandistischen Inhalts natürlich unzumutbar.

Ein großes Problem waren die Unterrichtsinhalte. Die verschiedenen Gruppen im deutschen Judentum hatten weit auseinanderliegende Vorstellungen, wie angesichts der politischen Entwicklung, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu überblicken war, jüdische Kinder erzogen werden sollten. Es war für die Schulverwaltung außerordentlich schwierig, einen Kompromiss zu schaffen, der dann aber 1934 in den "Richtlinien zur Aufstellung von Lehrplänen für jüdische Volksschulen in Deutschland" seinen Niederschlag fand. Es herrschte auch Lehrermangel. Zwar waren die meisten jüdischen Lehrkräfte durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 aus den öffentlichen Schulen entfernt und dadurch stellungslos geworden, aber sie konnten keineswegs den Bedarf an LehrerInnen decken, der durch den Zuwachs der Schüler auf den jüdischen Schulen entstanden war. Viele von ihnen waren auch nicht ohne weiteres geeignet, an den jüdischen Volksschulen zu unterrichten, weil sie keine Bindung mehr zum Judentum hatten (die jüdische Volksschule war ab 1933 die prägende Schulform, weil den jüdischen Kindern und Jugendlichen im Laufe der Zeit mehr und mehr der Zugang zu den Gymnasien und später den Universitäten versperrt wurde). Außerdem handelte es sich bei den entlassenen LehrerInnen oft um GymnasiallehrerInnen, die auf Grund ihrer Vorbildung nicht für den Unterricht an einer Volksschule einzusetzen waren. Die Schulverwaltung organisierte deshalb ständig Lehrerfortbildungslehrgänge und verschiedenartige Kurse (z.B. Ausbildungskurse für SportlehrerInnen), die bis 1941 (!) durchgeführt wurden. Die verstärkte Auswanderung riss ständig Lücken in die Lehrkörper, die immer schwerer ausgefüllt werden konnten. Trotz aller Schwierigkeiten gelang es bis 1938, ein funktionierendes und leistungsfähiges jüdisches Schulwesen aufzubauen, und das bei sich ständig verändernden Anforderungen.

War man zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft noch davon ausgegangen, dass trotz aller Diffamierungen und Behinderungen die Zugehörigkeit der Juden zum deutschen Volk nicht infrage gestellt wurde, so zerstob diese Illusion durch die sog. Nürnberger Rassegesetze von 1935. Diese politische Ausgrenzung bedeutete auch die Ausgliederung aus der deutschen Kultur und wirkte sich damit auch auf die jüdische Schulpolitik aus. Am deutlichsten ist das zu sehen, wenn man die schon erwähnten Richtlinien von 1934 mit den neuen des Jahres 1937 vergleicht. 1934 hieß es noch: "Die jüdische Schule erfährt ihre besondere Prägung aus dem doppelten Urerlebnis, das jedes in Deutschland lebende Kind in sich trägt: dem jüdischen und dem deutschen". Drei Jahre später hatte man erkennen müssen, dass der Versuch einer Symbiose gescheitert war. Die entsprechende Passage in den Richtlinien lautete jetzt: "Die Schule soll von einem sich selbst begreifenden jüdischen Geiste durchdrungen sein. ...Zur Erreichung dieses Zieles ist das Jüdische in den Mittelpunkt aller dafür in Betracht kommender Unterrichtsfächer zu stellen". Vor allem der Ausbau des Fremdsprachenunterrichts wurde nun vorangetrieben. Neben Hebräisch wurde Englisch, Französisch und Spanisch gelehrt, wohl ein einmaliges Angebot für Volksschulen. Palästinakunde stand im Brennpunkt des Geographieunterrichts, waren doch für dieses Land die Auswanderungsmöglichkeiten für Kinder am günstigsten. Auch die manuelle und handwerkliche Ausbildung wurde verstärkt, um die Kinder und Jugendlichen auf "den zu erwartenden schweren Lebenskampf" vorzubereiten. Der Pogrom vom November 1938 brachte auch radikale Veränderungen im jüdischen Erziehungswesen. Bereits am 15. November wurde durch einen Erlass jüdischen Schülern der Besuch von öffentlichen Schulen untersagt.

Die demokratisch gewählte "Reichsvertretung der Juden in Deutschland" wurde von der "Reichvereinigung" abgelöst, deren Vorstandsmitglieder von der Gestapo eingesetzt wurden. Ihr allein wurde jetzt die Beschulung der jüdischen Kinder und Jugendlichen übertragen, alle privaten Schulen wurden geschlossen. Die Schulverwaltung der "Reichsvereinigung", an deren Spitze die bisherige Leiterin der privaten Theodor-Herzl-Schule, Paula Fürst, stand, musste das jüdische Schulwesen völlig neu aufbauen. Vor allem fehlten Lehrer, weil speziell Lehrer am 9./10.November in die Konzentrationslager eingeliefert und nach einigen Wochen nur unter der Auflage entlassen worden waren, sich zur Auswanderung zu verpflichten.

Die "freiwillige" oder auch offen erzwungene Auswanderung vieler jüdischer Menschen führte zur stetigen Abnahme der Schülerzahlen: Schulen mussten geschlossen, Klassen zusammengelegt, Ersatz für die ausgewanderten Lehrkräfte gefunden und die aus den öffentlichen Schulen verbannten SchülerInnen in die jüdischen Schulen eingegliedert werden. Bis zum Herbst 1939 schienen die größten Schwierigkeiten überwunden, dann gab Hitler den Befehl, Polen zu überfallen und entfesselte damit den Zweiten Weltkrieg.

Die Geschichte der jüdischen Schule nach dem Kriegsbeginn ist ein Abbild der Geschichte der deutschen Juden insgesamt: Wem es nicht mehr gelang - und wie wenigen ist es noch gelungen - die Heimat zu verlassen, geriet in den Strudel der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie: Deportation - Ghetto - Todeslager. Auch die jüdischen Kinder. Bis zum Herbst 1941 versuchten die LehrerInnen, den Kindern in den Schulen eine Zufluchtsstätte zu bieten, wo sie unter Gleichen leben konnten und für wenige Stunden vom Hass der Umwelt geschützt waren. Doch die immer bedrückender werdenden Lebensverhältnisse - die meisten Eltern mussten Zwangsarbeit in den Rüstungsbetrieben Hitlers leisten -, die ständig stärker werdende Armut und die täglichen Schikanen drangen auch in die Schulwelt ein. Die Stigmatisierung mit dem sog. Judenstern, den auch Kinder ab dem 6. Lebensjahr tragen mussten, im September 1941 das Emigrationsverbot und der Beginn der Deportationen in Berlin am 18. Oktober bedeuteten auch das Ende des jüdischen Schulwesens. Die Reichvereinigung wurde angewiesen, alle jüdischen Schulen zum 30. Juni 1942 zu schließen. Das war das Todesurteil für die 2.500 Berliner Kinder, die zu diesem Zeitpunkt noch schulpflichtig waren, und die noch tätigen 90 Lehrer und Lehrerinnen.

Der Auf- und Ausbau des jüdischen Schulwesens von 1933 bis zum Pogrom 1938 war eine der eindrucksvollsten Leistungen der Reichsvertretung. Inmitten eines brutalen politischen Systems, das jede individuelle Freiheit unterdrückte und das Gedankengut der Aufklärung bekämpfte, gelang es, humanistische Schulen zu schaffen. In diesen Schulen konnten alle reformpädagogischen Experimente der Weimarer Republik, die besonders in Berlin durchgeführt wurden, weiter entwickelt und praktiziert werden. Auf diese Weise bekam wenigstens eine Minderheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland eine Erziehung, die sie zu toleranten, selbstständigen, verantwortungsbewussten, demokratischen Persönlichkeiten formte.

Das überragende Verdienst daran hatten die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen, die ihren Beruf als Berufung ansahen und sich unermüdlich und hingebungsvoll bemühten, den ihnen anvertrauten Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern ihnen mit Rat und Tat in allen Situationen zur Seite zu stehen. Besonders nach 1938 gewann die psychologische Betreuung immer mehr an Bedeutung. Das "Behüten" stand im Mittelpunkt des Schulalltags, und wie die Lehrer und Lehrerinnen es überhaupt noch fertig brachten, angesichts der Sorgen und Probleme, die alle jüdischen Menschen in dieser Zeit belasteten, sich um die Schulkinder zu kümmern und Unterricht zu erteilen, ist kaum erklärbar.

Leider ist dieser Aspekt der Schulgeschichte, der ein Teil der deutschen Schulgeschichte ist, bisher wenig untersucht worden. Zwar gibt es zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten über das jüdische Schulwesen in der Zeit des Nationalsozialismus, aber die bewundernswerten Leistungen der einzelnen Lehrer und Lehrerinnen, ihre Namen, ihre Lebensläufe sind bis auf wenige Ausnahmen unbekannt geblieben. Keine Berliner Schule trägt m. W. den Namen einer dieser Lehrer oder Lehrerinnen (übrigens wurde der größte Teil der Berliner jüdischen Volksschulen von Frauen geleitet). Nur drei Straßen tragen den Namen jüdischer Pädagoginnen, die Benennung erfolgte durch die Initiative Berliner Bürger. Offizielle Ehrungen zum Gedenken an diese Opfer des Nationalsozialismus sind mir nicht bekannt. Es wäre wünschenswert, wenn die Schulpolitiker oder die Schulverwaltung dieses Thema aufgreifen würden und damit - wie andere Berufsgruppen es schon getan haben, z. B. Justiz, Medizin - nicht nur einen Beitrag zur eigenen Geschichte leisten könnten, sondern auch der Männer und Frauen gedenkt, die von den Schergen Hitlers ermordet wurden.

 

KASTEN

LILLI-HENOCH-SPORTHALLE

Die von dem Architekten Hinrich Baller entworfene markante Sporthalle der Spreewald-Grundschule am Winterfeldtplatz ist im März 2005 im Rahmen einer Feierstunde nach der Berliner Sportlerin Lilli Henoch benannt worden. Lilli Henoch (1899-1942) war eine Vorkämpferin des Frauensports und berühmte Leichtathletin. Sie stellte u.a. vier Weltrekorde in den Disziplinen Kugelstoßen, Diskuswurf, Weitsprung und 4x100-Meter-Staffel auf und war eine erfolgreiche Handball- und Hockeyspielerin. 1933 als Jüdin aus dem Berliner Sport-Club (BSC) ausgeschlossen, arbeitete sie bis 1941 als Sportlehrerin an jüdischen Schulen. 1942 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter nach Riga deportiert und dort ermordet. Martin-Heinz Ehlert hat eine Ausstellung über Lilli Henoch zusammengestellt, die noch bis zum 17. Juni in der nach ihr benannten Sporthalle der Spreewald-Grundschule zu sehen ist. Martin-Heinz Ehlert war Dozent beim Bildungswerk der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und hat u.a. eine Biographie der jüdischen Schulleiterin Paula Fürst veröffentlicht. (Ehlert, Martin-Heinz: Paula Fürst. Aus dem Leben einer jüdischen Pädagogin. Textpunkt Verlag 2005. ISBN 3-93 8414-76-6. 14,90 Euro. (Das Foto von Seite 28 stammt aus diesem Buch).

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