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blz 06 / 2014Nach vorne und zurück schauen

Gedenken an jüdisches Leben in Europa vor dem Holocaust

01.06.2014 - Josef Hofman und Juliane Zacher, Junge GEW BERLIN

Am 27. Januar 2014 fand in Auschwitz der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts statt. Dieser Gedenktag wurde im Jahr 2005 von den Vereinten Nationen eingeführt und wird seitdem weltweit begangen. Auch die GEW beteiligte sich auf Bundesebene wie in den Jahren zuvor mit einer Delegation und nutzte die Gedenkfeier, um sich zusammen mit dem Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE), der israelischen Lehrergewerkschaft Histradut Hamorim und den polnischen Lehrergewerkschaften NSZZ Solidarność und der ZNP über die Bedeutung und Aktualität des Gedenkens in der Schule auszutauschen sowie die Beziehungen der Gewerkschaften untereinander zu pflegen.

Es stellt eine besondere Herausforderung dar, sich als deutsche Gruppe an diesem Tag mit jüdischen und polnischen Delegationen in Auschwitz zusammenzufinden. An keiner anderen Gedenkstätte sind die Verbrechen der Nationalsozialisten so real erfahrbar. Aber Ohnmacht und Hemmungen verflogen im gemeinsamen Austausch über Herausforderungen und Chancen des Holocaustunterrichts heute in Polen, Israel und Deutschland. Die israelischen und polnischen TeilnehmerInnen machten dabei ihre Angst deutlich, dass in Deutschland mit dem Voranschreiten der Geschichte die Auseinandersetzung und das Gedenken an die Verbrechen der nationalsozialistischen Zeit nachlassen könne.

Die Mitverantwortung Polens für die Verbrechen – der Großteil der Massenvernichtung fand auf polnischen Boden statt – wird in Polen zunehmend thematisiert, stößt jedoch immer noch auf Widerstände. Aus israelischer Perspektive wird berichtet, dass es wichtig ist, den Unterricht als Anlass für die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Rassismus zu nehmen, um somit auch einen Bezug zu aktueller israelischer Gegenwart zu schaffen.

Die Bedeutung des Gedenkens und der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit kann sicherlich nicht genug betont werden. Dennoch erscheint es ebenso sinnvoll einen weiteren Blick in die Vergangenheit zu werfen und Licht in den Teil europäischer Geschichte zu bringen, den der Schatten des Holocaust meistens verdunkelt, nämlich wie Juden vor dem Holocaust in Europa gelebt haben. Anlass für diese Überlegung bildete das Museum of the History of Polish Jews in Warschau, in dessen Räumlichkeiten ein Großteil des Gewerkschaftsseminars stattfand. So wie in Polen, waren JüdInnen überall in Europa Teil der Gesellschaft und prägten diese wesentlich mit. Zwar waren Antisemitismus und Pogrome schon vor den Nationalsozialisten in den meisten europäischen Staaten verbreitet, dennoch lässt sich in vielen Erzählungen und Bildern belegen, dass es vielfältige Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens gab. Die Präsenz jüdischen Lebens in Polen wird anschaulich verdeutlicht.

Jüdisches Leben erfahrbar machen

Einen weiteren Versuch, diese Geschichten und Bilder des Zusammenlebens zu bewahren, stellt das Projekt Centropa (www.centropa.org) dar. Centropa ist eine Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat die Bilder und Geschichten jüdischer Familien in Zentral- und Ost-Europa sowie auf dem Balkan zu sammeln und im Internet frei zugänglich zu machen. Darunter sind bereits 1.250 Interviews mit Zeitzeugen und 22.000 Fotos. Diese Dokumente dienen als anschauliche Zeugnisse eines jüdischen Europas und sollen als Materialien für den Unterricht genutzt werden. Anhand dieser Materialien können SchülerInnen erarbeiten, wie JüdInnen in dem jeweiligen Land gelebt haben, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatten und wie sie ihre Stellung in der Gesellschaft wahrnahmen und empfanden.

Dazu können einzelne Biografien verfolgt und als anschauliche Identifikationsfiguren den SchülerInnen näher gebracht werden. Neben der Bezugnahme auf einzelne Biografien kann der Zugang aber auch darüber hergestellt werden, dass die Schüler diese Materialien nutzen, um zu erarbeiten, wie jüdisches Leben in ihrem Heimatland oder Heimatort ausgesehen hat, an welchen Plätzen früher jüdische Läden, Synagogen oder Schulen standen.

Diese Auseinandersetzung mit der Geschichte über die Bezugnahme zu jüdischem Leben im eigenen Heimatland macht zum einen deutlich, welche gesellschaftliche Koexistenz durch den Holocaust zerstört wurde, und gleichzeitig macht sie Mut, dass ein Zusammenleben möglich ist, weil es bereits einmal real war. Und dass Differenzen aufgelöst werden können, wenn man sich die vielfältigen Gemeinsamkeiten vor Augen führt. So kann Gedenken eine neue Perspektive bekommen, um neben Trauer und Mahnung auch Raum für Austausch und Begegnung zuzulassen. Dadurch soll die Geschichte Deutschlands und Europas nicht beschönigt und die Opfer des Holocaust nicht verschmäht werden. Vielmehr soll diese Form des Gedenkens als zusätzliche Komponente für den Unterricht dazu dienen, eine zukünftige Perspektive für das Thema zu entwickeln: Das gemeinsame Leben der Vergangenheit als Grundlage für eine gemeinsame Zukunft zu nehmen.

Die Tage haben verdeutlicht, dass diese Vergangenheit nicht vergehen darf und dass es gleichzeitig weitere Auseinandersetzungsmöglichkeiten mit der Geschichte gibt. Die Verbrechen des Holocaust bleiben einzigartig. Der aktuelle Bezug zur Geschichte muss immer wieder hergestellt und verdeutlicht werden. Die Vorbereitung für den 70. Jahrestag der Befreiung Ausschwitzt laufen bereits. Wir wünschen uns eine rege Beteiligung und Debatte.