GEW - Berlin
Du bist hier:

bbz 02 / 2018Querer geht´s nicht

Der Erfahrungsbericht einer Quereinsteigerin nach drei harten Jahren.

01.02.2018 - Sabine Pendl

Vor etwas mehr als drei Jahren begann mein Lehrerinnen-Dasein an einer Berliner Grundschule als Quereinsteigerin, mit den Fächern Mathematik, Musik und Deutsch. Als Klavierlehrerin hatte ich keinerlei Erfahrung mit dem Unterricht vor einer ganzen Klasse.

Ich kam also an die Schule ohne einen Plan hinsichtlich der Unterrichtsorganisation, Klassenführung oder Mathe-Methodik. Es fehlten mir ein Überblick über die Lehrplaninhalte, ein Fundus an dienlichen Materialien und Tipps wie pubertierende Sechstklässler*innen an einer Brennpunktschule im Musikunterricht bei Laune zu halten sind. Meinen Einstand gab ich vor allem mit Musikunterricht in den drei sechsten Klassen. Beworben hatte ich mich, weil ich dringend einen Job brauchte. Nach einer Trennung und mit zwei Kindern musste einfach Geld her.

Das Casting, das ist wie auf dem Viehmarkt

In der Einladung zum Casting hieß es: »Bereiten Sie ein etwa siebenminütiges Kurzreferat zu Ihrer Person und Ihren Fächern vor«. »Komm selbstbewusst rein und übe, deinen Namen laut und deutlich zu nennen«, riet mir eine Freundin. »Zu mehr reicht die Zeit sowieso nicht, das ist wie auf dem Viehmarkt«. Ich betrat also den Raum in aufrechter Haltung, versuchte freundlich zu lächeln, nannte meinen Namen und meine Fächer und wurde umgehend gefragt, ob ich wohl bereit wäre, eine erste Klasse zu übernehmen.

»Natürlich!«, sagte ich im Brustton der Überzeugung. Gott sei Dank wollte diese Schule mich dann doch nicht, für die Erstklässler*innen wurde damals hoffentlich noch jemand kompetenteres gefunden.
Ich selbst hatte nicht nur keine Erfahrung mit Klassen, ich hatte auch im eigenen Leben nur wenig zu tun mit Ritualen, und schon gar nicht mit Morgenkreisen und Aufräummusik, nicht mit Lernwegen und Klammerkarten. Ich war zwar kreativ und phantasievoll, aber auch chaotisch und ziemlich unorganisiert, in meinen Gedanken sprunghaft, sprach schnell und viel und war somit so ziemlich das Gegenteil dessen, was eine*n Grundschullehrer*in nun mal ausmachen muss, wenn nicht von Tag eins an das Chaos im Klassenzimmer Einzug halten soll.

Jetzt mal ehrlich: Erstklässler*innen mit einer Quereinsteigerin als Klassenlehrerin? Bis heute kann ich die Frage nicht fassen, aber sie spiegelt die Verzweiflung wider, die damals wie heute an vielen Schulen herrscht ob des Lehrer*innenmangels.

Von allem die Hälfte

Ich wurde dann von einer anderen Schule als neue Kollegin auserkoren. Und hatte bald das Vergnügen, zusätzlich zum Musikunterricht einer dritten Klasse zur Hälfte Mathe- und einer anderen zur Hälfte Deutschunterricht zu erteilen. Zur Hälfte? Ja, den unglücklichen Kolleg*innen war nichts Besseres eingefallen, da ich zunächst nur zwölf Stunden an der Schule war. Denn ich musste vom ersten Tag an auch Deutsch und Mathe unterrichten und Unterrichtsbesuche absolvieren. Ich übernahm in Mathe drei, mein Kollege zwei Stunden. Gleiches galt für den Deutschunterricht. Nach sechs Wochen fiel die Deutsch-Kollegin leider komplett aus, sodass die anderen vier Stunden von einer PKB-Kraft übernommen wurden. Ich wundere mich bis heute, dass die Eltern nichts dazu sagten.

Ich war eine der wenigen Quereinsteiger*innen mit so wenig Erfahrung. Die meisten anderen hatten schon mal als PKB-Lehrer*in gearbeitet oder an einer Privatschule. In letzter Zeit höre ich aber immer wieder von Kolleg*innen, denen es genauso geht wie mir damals. Ins eiskalte Wasser geworfen mit keinerlei Vorerfahrung und mit demselben ausgeprägten Mangel an Grundschulkompetenzen. Was eigentlich nur schiefgehen kann.

In einer der sechsten Klassen teilte ich zu Beginn einen Fragebogen aus: Was hat euch bisher im Musikunterricht gefallen/nicht gefallen? Antwort auf mehreren Zetteln: Nicht gefallen haben mir die Schlägereien. Wie bitte? Schlägereien im Unterricht? In meiner Vorstellung war bis zu diesem Zeitpunkt für so etwas kein Platz gewesen. Die Kinder in der beschaulichen Welt, der ich entstammte, hatten alle schon im Kinderladen gelernt, alles demokratisch auszudiskutieren. Aber jetzt fand ich mich in einer Umgebung wieder, in der Beleidigungen, Schläge und Tritte scheinbar unweigerlich dazu gehörten, und ich hatte keinerlei Mittel in der Hand, zu intervenieren. Schlimmer noch, ich war vermutlich manchmal Mitauslöserin dieser Unruhen.

Bildung meets Brennpunkt

Denn was macht man, wenn man keinerlei Unterrichtserfahrung, keine Materialien, keine Ahnung hat? Man spielt ganz einfach die Lehrperson, wie man es aus Filmen kennt, oder wie man sich von früher zu erinnern meint. Aus dem Gymnasium, Klasse 11, denn das ist es, was im Kopf noch halbwegs präsent ist. Man stellt sich also vor die Tafel und berichtet den Schüler*innen ausführlich von Dingen, die man selbst höchst spannend findet und man löchert die Kinder mit Unterrichtsfragen. Dabei hat man zunächst keine Idee davon, wer diese Kinder eigentlich sind, die da vor einem sitzen. Was sie verstehen, was sie interessiert, wie man sie motiviert und an neuen Stoff heranführt. Man spricht beinahe unweigerlich in mehreren Kilometern Höhe über ihre Köpfe hinweg. Schließlich hat man jahrelang mühsam trainiert, stets so allgemein wie möglich zu formulieren. So wenig konkrete Beispiele wie möglich zu verwenden und eine immer ausgefeiltere Bildungssprache zu verwenden. Und so scheint man für die Kinder häufig von einem anderen Stern zu kommen.

Dieses Gefühl aber welches sich auf Seiten der Schüler*innen einstellt, wenn sie etwas verstehen sollen, was nicht angemessen oder gar nicht eingeführt wurde und das für sie völlig unverständlich ist, das macht die Kinder unruhig. Und die Unruhe sucht sich dann häufig Entladung in Streitereien. Das ist nun ein Phänomen, das vermutlich auch »normalen« Referendar*innen begegnet. Nur haben die zumindest schon mal hospitiert. Und doch deutlich mehr Ahnung davon, dass es tausend Möglichkeiten gibt, Kinder für etwas zu interessieren, sie zu einem Thema hinzuführen, sie altersgerecht zu unterrichten. Sie wissen etwas von der kindlich kognitiven Entwicklung. Sie kennen zahllose Methoden, Unterricht zu strukturieren und zu organisieren. Sie haben einen umfassenden Überblick über die Lerninhalte. Sie haben auf Lehramt studiert.

Auf Kosten der Schüler*innen

Wir Quereinsteiger*innen müssen oft mühsam am eigenen Leib erfahren, was passiert, wenn eine*r versucht, die Sache zunächst ohne Grundschulmethodik durchzuziehen. Unsere Erfahrungen machen wir auf Kosten derer, die diesen Unterricht über sich ergehen lassen müssen. Und auf Kosten der eigenen Nerven. Denn die werden stark überstrapaziert, wenn die an die Kinder herangetragene Nettigkeit mit unerträglicher Lautstärke und Unruhe quittiert wird, wenn man darauf hin beginnt, mit Sanktionen zu hantieren und schlussendlich die Rückmeldung erhält, ganz und gar unfair zu sein. Wenn man immer wieder ins verzweifelte Schreien gerät, weil einem nichts anderes einfällt, um auf jene ganz speziellen Kinder zu reagieren, die auch den versierten Kolleg*innen häufig den Nachtschlaf rauben.

Und dann müssen wir Quereinsteiger*innen uns zeitgleich noch eine Übersicht verschaffen, WAS denn nun eigentlich gelehrt werden soll. Und nebenbei noch die scheelen Blicke einiger Kolleg*innen aushalten, die insgeheim denken: »So ganz ok ist das nicht, dass diese Leute jetzt dieselbe oder sogar eine bessere Bezahlung erhalten als ich.« Dazu sage ich nur kurz: Die Blicke kann ich verstehen. Allerdings ist es eben auch nicht so ganz ok, wie dieser Quereinstieg abläuft. Und wir bringen zwar meistens kein Lehramtsstudium mit, dafür aber jahrelange Lebenserfahrung, und wir stehen unter einem unglaublichen Druck. Immer wieder tröstlich fand ich die Worte eines Seminarleiters bei einer Einführungsveranstaltung: »...und ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich bereit erklärt haben, dem Senat den A…. zu retten.« Auch so kann man das sehen.

Jedenfalls: Wer all das zeitgleich zu bewältigen versucht – Oberwasser behalten, den Unterrichtsstoff organisieren, womöglich auch gleich Klassenarbeiten schreiben, Arbeitsblätter entwerfen, den Lernstand diagnostizieren, den Input aus vier Seminaren sortieren und verarbeiten, Unterrichtsentwürfe verfassen, Elterngespräche führen – der braucht entweder eine große Portion Humor, sehr starke Nerven oder eine unglaubliche Naturbegabung für den Lehrer*innenberuf.

Hospitationen und Doppelsteckung helfen

Nun möchte ich auf keinen Fall etwas gegen das Konzept des Quereinstiegs sagen. Immerhin hat es mich in einen Job geschubst, der viel besser zu mir passt, als ich es je vermutet hätte. Mittlerweile bin ich Klassenlehrerin, und ich kann zudem jeden Vertretungsunterricht in jedem Fach übernehmen. Mehr sogar, die Schüler*innen freuen sich, wenn ich bei ihnen auftauche.

Die Antwort auf die von mir genannten Probleme sollte jedoch sein: Ermöglicht Quereinsteiger*innen zunächst Hospitationen bei versierten Grundschulpädagog*innen oder ermöglicht doppelt gesteckte Stunden, gemeinsam mit den Klassenlehrer*innen. Lasst sie ein halbes Jahr lang mitlaufen und über ihre Erfahrungen reflektieren. Stellt ihnen in jedem Fall eine*n Mentor*in an die Seite. Erwartet keine sechs mehr oder weniger vollwertigen Unterrichtsentwürfe pro Halbjahr quasi ab Tag eins. Werft sie nicht in schwierige Klassen und in Stunden, die niemand sonst aus dem Kollegium übernehmen wollte. Lasst die Quereinsteiger*innen langsam in ihre Rolle hineinwachsen. Lasst ihnen Zeit, sich in Ruhe mit den Rahmenlehrplänen auseinander zu setzen. Und natürlich: Bezahlt sie auch erst voll nach diesem halben Jahr.

Natürlich mussten sich auch die Schulen erst umstellen. An meiner Schule gibt es jetzt Mentor*innen für jede*n Quereinsteiger*in und alle vier unterrichten nur ein Fach. Das alte Konzept des sofortigen Referendariats mit drei Fächern besteht aber nach wie vor. Wer die Voraussetzungen irgendwie mitbringt, wird sofort komplett eingesetzt.

Hospitationen und Doppelsteckung wären hier unabdinglich. Denn man erlernt den Lehrer*innenberuf nun mal am besten, wenn man Kolleg*innen zusieht, die ihn beherrschen. Kolleg*innen, die die Haltung, die Stimme, das Auftreten einer Person haben, die eine Klasse liebevoll bestimmt führen kann, die weiß, dass Disziplin keine Frage von Schreien und Extraarbeiten ist, sondern von Struktur, Klarheit, anregenden Unterrichtsformen, angemessener Körpersprache, Transparenz und Organisation, von Präsenz und Vorbereitung.

Mit der Zeit wird es besser

Ich selbst habe natürlich ebenfalls versucht, von Anfang an alles gut vorzubereiten. Doch ging es mir oft wie dem Kind, das Mathematik üben soll und doch nur stundenlang auf ein leeres Blatt starrt: Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte, wie ich differenzieren sollte. Wie zum Teufel ich kompetenzorientierte Aufgaben finden sollte für jeden Unterrichtsbesuch. Aufgaben, die in einer offenen Lernumgebung die Kinder in Partner- und Gruppenarbeit, in Worldcafés und Plakatgestaltung zum selbstständigen Denken anregen sollten. Und zwar genau jene Kinder, die sich so gern gegenseitig verhauten, sobald ich auf dem Tapet erschien.

So wie ich die Kinder anfangs überforderte, überforderten mich anfangs die Seminare und die Seminarleiter*innen, deren Fokus auf innovativen Unterrichtsmethoden lag und die so vieles voraussetzten, was ich einfach nicht mitbrachte.

Mit der Zeit legten sich die Probleme. Zunächst bestand ich mein Examen. Bald danach übernahm ich sogar eine eigene Klasse, allerdings keine erste, denn das würde ich mir nach wie vor nicht zutrauen. Und langsam aber sicher habe ich das Gefühl, den Boden unter meinen Füßen immer mehr zurück zu gewinnen. Ich fühle mich täglich inspirierter, ich fange an, die tausend Möglichkeiten zur Entfaltung der eigenen Kreativität zu sehen und zu genießen, die dieser wunderbare Beruf bietet. Aber der Weg war sehr holprig und ich kann mir gut vorstellen, dass hier weiterhin Verbesserungsmöglichkeiten gefunden werden können. Wenn nur mal jemand verstehen würde, wie unglaublich wichtig es für unsere Gesellschaft wäre, viel mehr Geld und Planung hier, beziehungsweise grundsätzlich in die Lehrer*innenbildung und Bildung zu investieren.

Quereinsteiger*innen können für Schulen auf jeden Fall eine Bereicherung darstellen und erfolgreich Lücken füllen, die durch den Lehrer*innenmangel, Planungsversäumnisse der letzten Jahre und steigende Schüler*innenzahlen entstehen. Und mein Fall war besonders extrem. Aber hey, lieber Senat, überlegt euch das Konzept bitte nochmal ganz genau und denkt darüber nach, ob es nicht doch ein wenig absurd ist, Diplom-Chemiker eben mal an Brennpunktschulen zu holen und davon auszugehen, diese könnten umgehend erfolgreich in Klasse drei Sachunterricht auf mehreren Niveaustufen, kompetent und handlungsorientiert, sprachfördernd und differenzierend abhalten.

Und ob es wirklich angemessen ist, sich dann auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: Wir haben es geschafft. Alle Stellen sind besetzt.