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SchuleSchule im Krisenmodus

Die Schulschließungen stellen Schüler*innen, ihre Eltern und Lehrkräfte vor neue, ungewohnte Herausforderungen. Lernen von zu Hause aus, wie kann das gelingen?

05.06.2020 - von Klaus Seifried

In Deutschland gibt es seit dem Jahr 1918 eine Schulpflicht, die es Kindern aus allen sozialen Schichten ermöglichen soll, zur Schule zu gehen. Hausunterricht durch Lehrkräfte gibt es nur für langfristig erkrankte Schüler*innen. Hausunterricht durch die Eltern, »Homeschooling«, ist in Deutschland nicht erlaubt. Deshalb ist das gegenwärtige »Lernen zu Hause« im rechtlichen Sinne eine Form der Hausaufgabenbetreuung durch die Eltern.

In vielen anderen Ländern, zum Beispiel in Frankreich, Italien, England, Polen, den USA oder Australien gibt es dagegen keine Schulpflicht, sondern eine »Bildungspflicht«, das heißt Eltern müssen für die Bildung ihrer Kinder sorgen, können das aber auch zu Hause tun.

Eine Notfallanleitung

Schulschließungen gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr und dies stellt alle Beteiligten vor große, ungewohnte Herausforderungen. So müssen Schüler*innen Verantwortung für sich und ihr Lernen übernehmen. Die Eigenverantwortung steigt. Das erfordert Motivation, Selbstdisziplin und einen geregelten Tagesablauf. Viele schieben Aufgaben vor sich her, die sich manchmal zu einem unüberwindlichen Berg aufhäufen.

Häufig sind auch die Eltern im Homeoffice, sie sollen sich ganztags um ihre Kinder kümmern, die Hausaufgaben betreuen, den Haushalt managen und haben unter Umständen finanzielle, existentielle Sorgen. Viele Eltern meinen, dass sie jetzt den Unterricht und die Arbeit der Lehrkräfte auch noch ersetzen müssten. Lehrkräfte wiederum sollen von heute auf morgen digitale Lernformen entwickeln, für die viele Schulen und sie selbst nur unzureichend ausgestattet und qualifiziert sind. Die gegenwärtige Situation muss als Krisen- und Ausnahmesituation verstanden werden. Das heißt, jedes Mitglied der Gesellschaft muss Verantwortung übernehmen und neue kreative Wege und Lösungen finden.

Wie kann das Lernen zu Hause gelingen? Eltern können den Unterricht und die Arbeit der Lehrkräfte nicht ersetzen. Die Aufgabe der Eltern sollte es sein, für einen strukturierten Tagesablauf der Kinder zu sorgen, feste Arbeitszeiten und Pausen zu vereinbaren sowie einen Tages- und Wochenplan mit ihnen zu erarbeiten. Eltern sollten in Konfliktsituationen Ruhe bewahren und bei großem, andauerndem Lernwiderstand ihrer Kinder sich von der Klassenlehrkraft oder einer Schulpsycholog*in beraten lassen.

Zeit in Beziehungsarbeit investieren

Schüler*innen sollten verstehen, dass sie für ihr Lernen Verantwortung übernehmen müssen, beispielsweise ihren Schreibtisch aufräumen, das Handy während der Arbeitsphasen weglegen, mit Lieblingsfächern beginnen und Kontakt zu ihren Lehrkräften halten. Diese sollten sich im Unterrichtsstoff auf das Wesentliche beschränken, verständliche Aufgaben stellen und regelmäßig Kontakt zu ihren Schüler*innen halten. In der Grundschule wäre möglichst ein tägliches Telefonat mit jedem Kind und einmal wöchentlich ein Telefonat mit den Eltern zur Lernsituation sinnvoll. Wichtig dabei ist auch ein regelmäßiges Feedback zu den geleisteten Aufgaben. Auch an weiterführenden Schulen sollten ein regelmäßiger Lehrkraft-Schüler*in-Kontakt und ein verbindliches Feedback zu den erstellten Aufgaben erfolgen. Bei Fachlehrkräften, die mehrere Klassen und Kurse unterrichten, sollte ein wöchentliches Telefonat möglich sein.

Der wichtigste Wirkfaktor im Unterricht ist eine positive Beziehung zwischen der Lehrkraft und ihren Schüler*innen und ein positives Lernklima zwischen den Schüler*innen. Doch wie können wir positive Beziehungen zu den Schüler*innen herstellen, wenn die Schulen geschlossen sind?

In der gegenwärtigen Situation ist es besonders wichtig, dass Eltern für ein gutes Familienklima sorgen. Für Lehrkräfte ist es besonders wichtig, einen direkten Kontakt zu ihren Schüler*innen herzustellen, im Einzelgespräch und als Gruppe, per Telefon, Mail, Chatnachricht oder Videokonferenz. Das Versenden oder Hochladen von Lernstoff und Aufgaben reicht nicht. 

Nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage haben allerdings nur ein Drittel der Lehrkräfte an Grundschulen, 36 Prozent an Haupt-, Real- und Gesamtschulen und nicht mal die Hälfte an Gymnasien regelmäßigen Kontakt mit ihren Schüler*innen. Vier Fünftel der Lehrkräfte nutzen E-Mails, aber nur fast jede*r Zweite das Telefon oder digitale Lernplattformen. Das häufigste Lernmedium bleibt noch immer der Arbeitsbogen.

Hier zeigt sich, dass die Schüler*innen mit dem Lernstoff weitgehend allein gelassen werden. Gerade für Kinder und Jugendliche in armen Familien, in denen kein Internetzugang oder Computer zur Verfügung steht, wird sich der Lernrückstand durch die Schulschließungen deutlich verstärken. Gleiches gilt für bildungsferne Familien oder Eltern mit Sprachdefiziten.

Gleichzeitig sind aktuell Lehrkräfte vom Unterricht, Erziehungskonflikten, Aufsichten und Konferenzen entlastet. Die Hälfte der Lehrkräfte an Grundschulen und knapp ein Drittel der Lehrkräfte an Gymnasien antworten, dass sie aktuell weniger belastet sind. Diese freie Zeit und Energie sollte in die Betreuung, das Feedback und die Beziehungsarbeit mit den Schüler*innen zu Hause investiert werden.

Direkter Kontakt ist unersetzlich 

So schreibt eine Schulleiterin den Schüler*innen, die aufgrund besonderer Regelverstöße bislang die Auflage hatten, jeden Tag in ihrem Zimmer vorstellig zu werden nun persönliche Briefe. Sie schickt diese nach Hause und gibt Rückmeldungen über bisherige individuelle Fortschritte. Sie formuliert aber auch ihre Erwartungen und bekundet gleichzeitig Zutrauen, dass die Schüler*innen auch in Zeiten der Schulschließungen sich, so gut es geht, bemühen werden. Ein Ausdruck von Beziehung, der den Kindern Motivation und Orientierung gibt.

Eine Klassenlehrerin der dritten Klasse einer Grundschule bringt das Arbeitsmaterial bei Familien, die keinen Computer oder Drucker haben, persönlich vorbei. Sie wird nun von den Kindern und Eltern in ihrem Engagement viel präsenter wahrgenommen als je zuvor.

Regelmäßige Telefonate oder Videotelefonate zu vereinbarten Zeiten signalisieren neben Kontrolle, auch Interesse, Sorge, Verantwortung und Unterstützung seitens der Lehrkräfte. Zudem dienen sie als notwendige Impulse zur Strukturierung.

Ein Grundschullehrer stellt bei YouTube Mathe-Erklärvideos zur Multiplikation für die Schüler*innen der zweiten Klasse ein, denen dies die Erledigung der Hausaufgaben deutlich erleichtert. Viele Lehrkräfte weisen zudem auf kostenlose Lern-Apps hin.

Sogar das Fach Sport muss nicht außen vor bleiben. Zusätzlich zu Angeboten im TV und digitalen Sportstunden im Internet erstellten Sportlehrkräfte einer Grundschule Videos mit Übungen, die selbst in der kleinsten Wohnung umgesetzt werden können.

Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen und Gymnasien treffen ihre Schüler*innen in Videokonferenzen oder in virtuellen Klassenzimmern, nutzen Schulclouds und digitale Lernformate. Auch an Eltern wird gedacht: Eine Schule hat ein virtuelles Elternsprechzimmer eingerichtet und damit die Fortführung der unerlässlichen Elternarbeit gesichert.

In jedem Berliner Bezirk gibt es ein SIBUZ, ein schulpsychologisches und inklusionspädagogisches Beratungszentrum und eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle. Dort stehen die Psycholog*innen zur Verfügung, um Eltern telefonisch zu beraten, wie sie mit der Lernunlust ihrer Kinder und mit Konflikten in der Familie umgehen können. Gerade dort, wo es im normalen Schulalltag aufgrund von Schulschwierigkeiten, Armut und schwierigen Familienverhältnissen, von psychischen Problemen oder akuten Krisen Lernprobleme und Konflikte gab, ist eine externe Beratung wichtig. Wir bitten die Lehrkräfte, die Eltern ihrer Schüler*innen auf dieses Angebot ausdrücklich hinzuweisen. Die Schulpsycholog*innen stehen natürlich auch den Lehrkräften oder den Schulleitungen zur Verfügung, um sich in dieser Krisensituation beraten zu lassen, da die Krise gerade auch für sie außergewöhnliche Herausforderungen und Belastungen beinhaltet.
 

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