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StandpunktSecurity statt Schulsozialarbeit

Der Einsatz von Sicherheitspersonal an einer Schöneberger Grundschule zeigt, wie groß die Not an manchen Schulen ist. An allen Ecken und Enden fehlt das Personal.

05.04.2018 - Janina Bähre, Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule in Neukölln und Redaktionsmitglied der bbz

Ein aus den Bonusmitteln finanzierter Wachdienst an einer Schöneberger Grundschule sorgte jüngst für Schlagzeilen. Denn Doris Unzeitig, Direktorin der Spreewald-Grundschule, wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Mit mehr als 30 Gewaltvorfällen begründete die Schulleiterin ihr Vorgehen in einem Schreiben an den zuständigen Schulstadtrat Oliver Schworck (SPD). Dieser wollte, anders als der Bezirk Neukölln, nicht für den Wachschutz zahlen. Die Gewalt sei nicht exorbitant gestiegen und für das »interne Schulklima« sei er nicht zuständig. In den Medien kritisiert Schworck die Schulleiterin und ihre Entscheidung. Ein Sozialarbeiter, Mesut Göre, sagte im Cicero: »Die Lehrer müssen das Problem lösen oder es müssen andere Lehrkräfte her.« Aha. Wie einfach. Und klar, die Lehrkräfte sind schuld!

In der Verwaltung dreht sich die Debatte vor allem um die Verwendung von Bonus-mitteln. Bezahlt wird der Wachschutz nämlich aus dem Bonusprogramm, das Schulen mit vielen Kindern aus sozial benachteiligten Familien zur Verfügung steht, um zusätzliche pädagogische Angebote wie zum Beispiel Schulsozialarbeiter*innen zu finanzieren. Nun prüft die Bildungsverwaltung das Vorgehen der Direktorin.

Sicherlich mag es fragwürdig sein, Mittel, die für pädagogische Maßnahmen gedacht sind, für Wachschutz auszugeben. Als Lehrkraft einer Neuköllner Gemeinschaftsschule kann ich die Entscheidung trotzdem nachvollziehen. Von Gewalt betroffene Schulen fühlen sich oft mit ihren Problemen im Stich gelassen. Die inkludierende Spreewald-Grundschule liegt in einem Kiez mit vielen sozial schwachen Bewohner*innen. Die Menschen dort sind so arm, dass viele Familien nicht einmal den bereits ermäßigten Satz von einem Euro pro Mittagessen bezahlen. Die Armut sorgt für Nöte und Konflikte, die eine einzelne Schule nicht lösen kann. Hier brauchen wir gesamtgesellschaftliche Lösungen und echte Bildungsgerechtigkeit. Das Bonusprogramm greift da leider viel zu kurz. Es ist ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Es ist falsch, die Not an solchen Schulen herunterzuspielen. Denn sie sind bei weitem kein Einzelfall. Wo Armut herrscht, sind Investitionen in Bildung ganz besonders nötig. Das bedeutet vor allem: engagierte Pädagog*innen. Die gibt es sicherlich auch an der Spreewald-Grundschule. Die, die da sind, reichen aber nicht aus. Seit drei Jahren bittet die Schulleiterin daher auch bereits um eine*n zweite*n Schulsozialarbeiter*in an ihrer Schule – vergebens. Nun soll es daher der Wachschutz richten.

Schulen mit besonderen sozialen Herausforderungen brauchen eine besondere Ausstattung. Statt Kritik und gut gemeinter Ratschläge benötigen diese Schulen mehr Personal; mehr Lehrkräfte, Schulpsycholog*innen, Sonderpädagog*innen und Sozialarbeiter*innen.

Wenn die Schulen personell endlich gut ausgestattet sind, dann wird auch kein Wachschutz mehr gebraucht, um die Lücken zu stopfen.