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Berufliche BildungTabus statt Perspektiven in der Schulpolitik

Die Integration beruflicher und allgemeiner Bildung ist durch eine Politik des »Weiter so« nicht zu erreichen.

 

07.04.2020 - von Thomas Isensee

Durch die ganze Republik ertönt der Aufschrei: es fehlen Fachkräfte aller Kategorien von der Installateur*in bis zur Chirurg*in. Und dieser Mangel bedrohe unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Da müsste man eigentlich was machen. Aber was?

Die einen kämpfen gegen den »Akademisierungswahn« und würden gerne angehende Eventmanager*innen ins Handwerk umleiten. Das geht einher mit Lobreden auf die duale Berufsausbildung. Die anderen wollen die traditionelle gymnasiale Oberstufe ausweiten und bemühen sich aktiv, ebensolche Oberstufen für alle Sekundarschulen zu bekommen.

Interessanter ist allerdings, was die bildungspolitisch Verantwortlichen alles nicht tun! Zum Beispiel die Zahl der Jugendlichen zu verringern, die die Schule ohne jeden Abschluss verlassen – in Berlin immerhin rund zwölf Prozent-, oder die duale Berufsausbildung attraktiver gestalten, um die Zahl der Abbrecher*innen zu verringern, oder die Bildungsgänge nicht nur auf dem Papier durchlässig zu machen, sondern auch in der Praxis. Oder mehr Studienplätze schaffen, auch wenn dann möglicherweise irgendwann mal drei Lehrkräfte zu viel ausgebildet werden. Und vor allem auch antizyklisch ausbilden, also so, dass die Altersstruktur des Lehrkörpers nicht homogen ist, sondern das Verhältnis von Ausscheiden aus dem Dienst und Neueinstellungen ausgewogen bleibt.

Früher war mehr Mut

Im Zentrum des Nichtstuns steht aber unser herkömmliches Schulsystem mit seinen unsinnigen Gliederungen und frühen Ausleseprozessen und den damit verbundenen, nur schwer zu korrigierende Weichenstellungen für die Schüler*innen. Das ist das große Tabuthema, an das sich niemand heranwagt. Noch!

Dazu eine Quizfrage für Bildungsexpert*innen: Von wem stammen die folgenden Zitate? Ich sage gleich: Tom Erdmann ist es nicht, auch wenn er sich in der bbz gerade ähnlich geäußert hat.

»Das langfristige Ziel der Berliner Schulpolitik ist es, die organisatorische und curriculare Trennung der verschiedenen Bildungsgänge schrittweise abzubauen, die studienbezogenen Bildungsgänge des Sekundarbereiches II mit einem stärkeren Praxisbezug auszustatten und die berufsorientierten Bildungsgänge mehr als bisher theoretisch zu fundieren und auf breitere Qualifikation hin anzulegen. Es wird damit eine einheitliche Stufe des Bildungswesens angestrebt, an die sich die Bereiche der Hochschulbildung und der Weiterbildung anschließen … Das erklärte langfristige Ziel der Schulpolitik des Senats ist es, die Trennung der verschiedenen Bildungsgänge der Sekundarstufe II schrittweise abzubauen, um ihre curriculare Abstimmung und Verzahnung zu erreichen und die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung herzustellen.«

Diese hehren Ziele hat 1971 der damalige Regierende Bürgermeister von Westberlin, Klaus Schütz, in seiner Regierungserklärung verkündet. Vom intellektuellen Urheber dieses Schulkonzepts, dem Schulsenator Karl-Heinz Evers, hatte sich die SPD allerdings schon kurz vorher verabschiedet. Es war übrigens die letzte SPD-Regierung mit absoluter Mehrheit. Und es war wohl das letzte Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass eine Regierung ein geschlossenes Konzept zur Änderung der Schulstruktur als Regierungsprogramm vorgelegt hat.

Wer konnte damals ahnen, dass dies nicht der Anfang, sondern das Ende war? Als letzte Reste dieses Konzeptes stehen noch die Oberstufenzentren. Aber die ihnen zugedachte Rolle als Motor einer Integration von beruflicher und allgemeiner Bildung konnten und durften sie nie spielen.

Auch die Regierungserklärung des aktuellen Senats von Rot-Rot-Grün bleibt trotz einiger Umbauten im Wesentlichen bei der bestehenden gegliederten Schulstruktur. Dass das gegliederte System auf die Bedürfnisse und die Förderung der Kinder abgestimmt ist, war mal Standardtextbaustein von CDU und Philologenverband. Jetzt bedient sich Rot-Rot-Grün aus diesem Baukasten. Wie die Zeiten sich wandeln. Und der beliebte Euphemismus »freie Schulen« für Privatschulen ist eine Irreführung, denn die sind zumindest nicht kostenfrei für Eltern und Staatskasse. Weder für die Chancengleichheit noch für Integration beruflicher und allgemeiner Bildung führt das weiter.

»Die Koalition bekennt sich zur Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung. Sie wird die Berufsbildung in den Oberstufenzentren (OSZ) stärken, die duale Ausbildung als starkes attraktives Angebot nachhaltig fordern und den Übergang von der allgemeinbildenden Schule in Ausbildung und Beruf weiter verbessern. Sie will allen jungen Menschen eine berufliche Perspektive ermöglichen. Das Recht auf inklusive Beschulung wird schrittweise auch in der beruflichen Bildung umgesetzt.

Arbeitslehre auch für die Oberstufe

So wenig Gymnasien und Privatschulen Garanten für mehr Chancengleichheit sind, so wenig wird auch die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung nur durch eine Stärkung der OSZ erreicht. Hier geht es nur weiter, wenn die Grundlage dafür schon in der allgemeinbildenden Schule gelegt wird. Dafür müsste wenigstens das Fach Wirtschaft, Arbeit, Technik (WAT) gestärkt werden. Und wenn das Gymnasium schon bestehen bleiben muss, dann mit dem Fach WAT/Arbeitslehre und einer Integration berufspraktischer Inhalte in der Oberstufe. Denn viele der Abiturient*innen nehmen nicht ein Studium auf, sondern eine Berufsausbildung. Ganz davon abgesehen, dass man vielleicht auch mehr Lehramtsstudierende für das Fach WAT gewinnt, wenn es auch an allen Schulen unterrichtet wird.

Aber die traditionelle Art der Lösung schulischer Probleme durch Schaffung oder Verstärkung von Einzelfächern führt nicht weiter. Denn ein Fach allein wird es nicht richten, wenn die Schulpolitik sich nicht von einem traditionalistischen Bildungsverständnis lösen kann, das der praktischen Arbeit und der Berufsorientierung weniger Wert zugesteht. Eine Schulpolitik, die auf eine Schule mit gleichen Chancen für alle zielt, muss den Mut haben, Strukturen und fachliche Inhalte zu verändern und auch die Erfahrungen anderer Länder einzubeziehen. (siehe auch Thomas Isensee, »Denkanstöße aus Schweden«, bbz 1-2/2020)

Helmut Schmidt hat der SPD einst ins Stammbuch geschrieben, wer Visionen hätte, sollte zum Arzt gehen. Das sollte aber heute niemanden in der rot-rot-grünen Koalition mehr vom Nachdenken abhalten!