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bbz 04-05 / 2017Teures Wegschauen

Die von der Senatsverwaltung veröffentlichte Gewaltstatistik vom November 2016 ist glaubwürdig, brisant und alarmierend zugleich. Sie sollte endlich zum Umdenken zwingen

01.04.2017 - Ulrich K. Clemens

Also wieder schlechte Nachrichten im Bildungswesen. Schließlich haben die jüngsten Pisa-, VERA- und OECD-Bildungstests Berliner Schüler*innen erneut im unteren Mittelfeld platziert und nun sorgt die neue Gewaltstatistik an Schulen für weitere Negativschlagzeilen. Die Anzahl der Gewaltvorfälle an Berliner Schulen ist im Schuljahr 2015/16 um ein Drittel auf 3.225 registrierte Gewaltvorfälle angestiegen. Die Brisanz dieses Negativtrends lässt sich erahnen.

Im Schulalltag und im täglichen Unterrichtsgeschehen wirken Konfliktsituationen nach und belasten die Lernatmosphäre von Schüler*innen und Lehrkräften erheblich. Ganz zu schweigen von beruflichen Nebenwirkungen, welche von Resignation bis Erkrankung, von dem Gefühl des Im-Stich-gelassen-Sein, von hilfloser Wut und bis hin zum echten Burnout geprägt sein mögen.

Es mangelt an Unterstützung

Das zeigte auch eine Tagesspiegel-Reportage vom Dezember letzten Jahres, in welcher ehemalige Kolleg*innen von erlebten Gewaltvorfällen berichteten, denen vor allem eins gemeinsam war: das Gefühl mangelnder Unterstützung. Fast immer war von Seiten der Dienstvorgesetzten ein systematisches Ignorieren mit schwer nachvollziehbarem oder wenig kompetent wirkendem Agieren: Vorgesetzte spielten die ganze »Angelegenheit« herunter oder schoben ihre Reaktionen auf die lange Bank. Gegenüber der Täter*innenseite wurde oft viel zu sanft und beschwichtigend vorgegangen, beklagten die Kollegien.

Der Negativtrend ist jedoch nicht nur der mangelnden Unterstützung von Vorgesetzten sondern auch dem äußeren Rahmen geschuldet. Zum einen wissen wir Lehrkräfte bereits seit längerer Zeit, dass die Schüler*innenfrequenzen in allen Klassenstufen kontinuierlich ansteigen werden, was guten Unterricht erschwert und zu mehr Konflikten führen kann. Zum anderen wissen wir ebenso, dass ein wachsender Anteil von Schüler*innen ein problematisches Sozialverhalten mitbringt. Die Segregation des Schulsystems führt auch dazu, dass an Brennpunktschulen ein größerer Teil dieses Klientels vorhanden ist als an anderen Schulen.

Negativvorbilder, wie im Rütlibrandbrief 2006 beschrieben, bilden die Rollenmodelle für viele Schüler*innen an sogenannten »Resteschulen«. Die viel zu dünne Personaldecke an diesen Schulen erschwert pädagogisch erfolgreiche Arbeit.

Auch Schulverweigerung sollte als eine der Ursachen steigender Gewalt an Schulen in den Fokus gerückt werden. Denn dauerhaftes und häufiges Schwänzen als Vorstufe von Schulverweigerung birgt ein ansteigendes Konflikt- und Gewaltpotential. Sozial verträgliches und integratives Lernverhalten benötigt schlicht ein angstfreies Umfeld mit kognitiven sowie emotional-sozialen Übungssequenzen, welche kontinuierlich eingeübt werden müssten. Schwänzenden Schüler*innen, deren Eltern beispielsweise nicht spürbar dargelegt wird, dass und warum unentschuldigtes Fernbleiben inakzeptabel ist, versäumen nicht nur wichtigen Lernstoff, sondern vor allem ein werteorientiertes, positives Grundbedürfnis nach Anerkennung in einer heterogenen Schulgemeinschaft.

Ein Aktionsprogramm muss her

Hinter jedem einzelnen statistisch erfassten Gewaltvorfall steht eine ganze Reihe pädagogisch unerwünschter, destruktiver und demotivierender Faktoren, die eigentlich ein behutsames und teamorientiertes Konfliktmanagement nötig machen. Die besondere pädagogische Herausforderung bei unterrichtsbezogenen wie auch außerunterrichtlichen Konfliktsituationen wird künftig eher ansteigen als stagnieren. Jedenfalls wird sie sich kaum ohne kombinierte Gegenstrategie auflösen lassen.

In den Fluren der Schul- und Bildungsverwaltung sollte sich demnach ein ganz neues Blickfeld eröffnen, gezwungenermaßen. Will man schulpolitisch dem anwachsenden Gewaltpotential ernsthaft entgegentreten, so ist dies kein leichtes Unterfangen, sondern erfordert vielschichtige Anstrengungen, in die benachbarte kommunale und private »Erziehungsträger« mit eingebunden werden müssen: Sportvereine, kirchliche Gruppen, muslimische Verbände sowie Jugendhilfeträger und freie Projektgruppen gehören dazu.

Es braucht auch eine bessere Ausstattung und Vorbereitung von Schulen. Lässt man beispielsweise den spektakulären Fall des »verweigerten Handschlags in Pankow« noch einmal Revue passieren, dann dürfte klar sein, dass mit einem klug und sensibel agierenden Konfliktteam bereits im Vorfeld des Klassenraumes, mit intensiver Begleitung durch eine Schulstation sowie kompetenter und sensibilisierter Schulleitung, jene spätere gerichtliche Auseinandersetzung höchst wahrscheinlich ganz anders verlaufen wäre. Schulkonferenzen, Gesamtkonferenzen und Aufsichtsbehörde könnten ein Unterrichtsfach »Soziales Lernen« in den Wochenplan aufnehmen.

Schon jetzt werden von verantwortungsbewussten Schulleiter*innen bereits »baga-tellartige« Vorfälle wie Beleidigung, Drohung, Erpressung in die »Gefährdungsstufe 1« des Notfallordners als melderelevant kategorisiert. Das zeigt ein gewisses Umdenken und aktives Gegensteuern. Weitere Maßnahmen wären die Novellierung des Notfallordners für Berliner Schulen, der Aufbau, Ausbau von Schulstationen, besonders an Schulen mit Willkommensklassen, sowie neue Fortbildungsangebote zum Themenfeld »Gewaltprävention – Konfliktmanagement an Grundschulen« und der Einbau des Themas bei Schulinspektionen.

Die Lehrer*innen-Personalversammlung in Charlottenburg-Wilmersdorf hat mit großer Mehrheit einen Antrag mit ähnlichen Forderungen ohne Gegenstimmen angenommen. Nun ist es Zeit, dass andere Bezirke nachziehen, denn eins ist klar: Es braucht ein großes Aktionsprogramm zur Gewaltprävention für alle Berliner Schulen, zur Bewahrung des allumfassenden Schulfriedens.

Medienhinweise:
www.medienprojekt-wuppertal.de Filmreihe über Mobbing, Gewalt macht Schule
• Interviews mit betroffenen Lehrkräften/Lehrer*innenmobbing, Wuppertal 2016
• Evangelisches Jugend- und Fürsorgewerk: Tat-Aus-gleich, Täter-Opfer-Ausgleich, Berlin 2015
• Ulrich K. Clemens: Gewalt gegen den Klassenlehrer, Eine Doku-Fiktion aus dem sozialen Brennpunkt,
Berlin 2015 (Selbstverlag)