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bbz 03 / 2017Trübe Aussichten

Erzieher*innen im öffentlichen Dienst verdienen deutlich mehr als viele ihrer Kolleg*innen bei freien Trägern. Wer berufliche Veränderung sucht, muss teuer bezahlen. Ein Erfahrungsbericht

01.03.2017 - Sonja Mallioras

Schokoladenweihnachtsmänner bekommt man momentan für den halben Preis, denn die Nachfrage sinkt nach den Weihnachtstagen rapide. Die Mietpreise in Berlin hingegen steigen immer weiter. Wohnraum ist begehrt, Familien ziehen in die Stadt, es wird eng. Eine logische Folge in der Marktwirtschaft; gibt es etwas selten, dann steigt der Preis. Nicht so bei den Gehältern der Erzieher*innen!

Den Pressemeldungen nach gibt es deutlich zu wenig Erzieher*innen in Berlin. Offene Stellen bleiben unbesetzt, weil Bewerber*innen fehlen. Erzieher*innen aber, die sich verändern, neu orientieren oder den Arbeitgeber wechseln wollen, sehen sich trotz der hohen Anzahl freier Stellen in die Defensive gedrängt.

Sie können ihre hohe Qualifikation und Erfahrung nicht als Argument für eine zumindest gleichwertige, wenn überhaupt angemessene Bezahlung anbringen. Sie werden abgestuft in internen Haustarifen.

Als ich mich nach zwölf Jahren Tätigkeit in einer Kita im öffentlichen Dienst dazu entschied, den Arbeitgeber zu wechseln, tat ich dies mit einer gehörigen Portion Optimismus. Ich ging davon aus, dass es leicht sein würde, eine neue interessante Stelle zu finden, vielleicht einen Arbeitgeber mit überschaubaren Kapazitäten, der meine bisherige Berufserfahrung durchaus wertschätzen und entsprechend honorieren würde.

Von beinahe jedem Träger und jeder Kita, bei denen ich mich bewarb, bekam ich umgehend eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Doch kaum waren die ersten Gespräche geführt, verging mir Hören und Sehen. Man nahm meine Qualifizierungen und langjährige Berufserfahrung sehr erfreut zur Kenntnis, gab mir aber direkt zu verstehen, nicht entsprechend entlohnen zu können. Als Grund wurde der eigene Haustarif genannt. Selbst bei namhaften Trägern hätte ich eine Einbuße von 500 Euro Brutto hinnehmen müssen, gut ein Fünftel meines bisherigen Gehalts bei einer 30-Stundenwoche.

Dankend lehnte ich die mir angebotenen Stellen ab, kommentiert von Abschiedsgrüßen wie »Vielleicht kommen Sie ja noch auf uns zurück, wenn Sie sehen, dass alle Träger so zahlen!« Die Kitas ließen ihre offenen Stellen lieber unbesetzt, als mich nach meinen bisherigen Konditionen zu beschäftigen. Ich suchte weiter. Aber kein privater Träger war bereit, mir meine Berufserfahrung zu honorieren. Ich war zutiefst empört und bin es bis heute.

Viele Berliner Erzieher*innen verdienen erschreckend wenig im Vergleich zum öffentlichen Dienst und deutlich weniger als ihre Kolleg*innen in anderen Bundesländern, sogar solchen, in denen der Betreuungsschlüssel deutlich besser ist. Nach dem Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber leiste ich zwar immer noch die gleiche Arbeit, nunmehr aber für ein mittlerweile deutlich geringeres Gehalt. Ich darf niemals den Arbeitgeber oder den Träger wechseln, ohne automatisch in schlechtere Gehaltsgruppen eingestuft zu werden.

Denn jeder Träger, so meine Erfahrung, kann für sich selbst festlegen, wie viel er zahlen will. Und genau darin liegt meiner Meinung nach der Hase im Pfeffer! Immer mehr private Anbieter*innen drängen auf den Markt, um Kitas zu gründen. Doch werden sie die Lücke nach der hohen Nachfrage an Kitaplätzen nicht zum Vorteil der Erzieher*innen schließen. Auf Seminaren zur Kita-Gründung erfuhr ich, wie regelrecht damit geworben wird, das vom Senat ausgezahlte Gehalt für eine Vollzeitstelle nicht an die Erzieher*innen weiterzugeben, sondern niedriger auszubezahlen, um Kosten zu sparen. Sogar der Dachverband der Kinder- und Schülerläden (Daks) informiert Eltern, die einen Kinderladen gründen wollen, darüber, dass man sich nicht an den Tariflohn halten müsse.

Meine Motivation, unter den gegebenen Bedingungen als Erzieherin zu arbeiten, ist angesichts der absurden Umstände auf dem Arbeitsmarkt auf einen moralischen Tiefpunkt gesunken. Eine finanzielle Verbesserung innerhalb des Berufsfeldes erscheint unmöglich. Wenn Erzieher*innen, die neue Inspirationen suchen oder einfach eine positive Arbeitseinstellung haben und Mut, etwas Neues zu wagen, ausgebremst werden, dann sinkt das Niveau in den Kitas noch mehr.

Die eigentlichen Verlierer*innen dieser Entwicklung aber werden die Kinder sein, und das ist nicht mehr nur billig, sondern zutiefst traurig. Nicht nur aus diesem Grund würde ich einen verbindlichen und angemessenen Tariflohn für alle Erzieher*innen begrüßen. Die Betriebsräte von vielen freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe haben sich mit den Forderungen ihrer Kolleg*innen im öffentlichen Dienst solidarisiert.