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SenioRitaVorwärts mit der beruflichen Bildung

Hans-Jürgen Lindemann beendet seine Schulkarriere vorzeitig, bleibt der beruflichen Bildung aber weiterhin eng verbunden.

05.04.2018 - Das Interview führten Dieter Haase und Klaus Will

Hans-Jürgen, erzähl mal. Du bist nun gerade 63 Jahre alt und gehst schon in den Ruhestand. Warum?

Vielleicht habt ihr ja gehört, dass es an meiner Schule, der Martin-Wagner-Schule beziehungsweise dem OSZ Bautechnik II (heute OSZ-Bau-Holztechnik) einigen Ärger gegeben hat, weil die Bauschule geschlossen werden sollte. Das muss man sich mal vorstellen: Erst werden wir ausgelagert, weil die Schule einen Neubau bekommt. In den sind wir 2008 eingezogen. Und sollten 2016 schon wieder raus, weil Bezirk und Senat andere Pläne hatten. Die Bauberufe passen wohl nicht so richtig in den Prenzlauer Berg, dort befindet sich ja die Schule. Dann wurden wir fusioniert mit einem anderen OSZ. Und diese ganze Auseinandersetzung und dazu noch Einschränkungen bei meinem zweiten Tätigkeitsfeld in der Lehrerfortbildung haben dazu geführt, dass ich mich jetzt lieber zurückziehe und anderen Dingen widme.

Wie war das genau mit der geplanten Schließung? Und warum wurde daraus nichts?

Das OSZ Bautechnik unterrichtet Maurer, Gerüstbauer und andere Bauberufe. Die wollte man anscheinend lieber raus haben und sie nach Spandau und anderswo schicken. Stattdessen hatte man hochfliegende Pläne mit einem Campus Gestaltung, also etwas schicker: Design, Grafik und so etwas, was wohl besser passt. Die Schließung verhindert hat schließlich der öffentliche Protest. Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat dabei sogar ihren Wahlkreis, der im Einzugsbereich der Schule liegt, an die Linke verloren. Und was die Bildungsverwaltung gar nicht im Blick hatte, war, dass der Schulneubau der Martin-Wagner-Schule aus EU-Mitteln für berufliche Bildung finanziert wurde. Auch deshalb konnte man daraus nicht einfach eine allgemeinbildende Schule machen. Soviel zur Qualifikation dieser Verwaltung.

Und jetzt willst du deine Ruhe haben!

Nein, das nicht. Ich gehe in den vorgezogenen Ruhestand, um mich stärker in meinen anderen Arbeitsfeldern engagieren zu können. Dort muss ich mich nicht mit solchen Nickligkeiten wie hier der Schulverwaltung herumschlagen. Die Schulaufsicht gerade im Bereich Berufliche Bildung hat zu Recht einen sehr zwiespältigen Ruf.

Gut, das lassen wir jetzt mal so stehen. Was machst du jetzt?

Na, ich bin ja seit 15 Jahren in der internationalen Zusammenarbeit der Berufsbildung als Gutachter, Berater und Fortbildner tätig. Außerdem habe ich weiterhin die ganze Zeit wissenschaftlich gearbeitet. Das werde ich jetzt alles verstärkt betreiben. So fahre ich nach dem Interview zum Beispiel für einige Wochen nach Brasilien und Peru.

Kommen wir zurück zu deiner persönlichen Laufbahn. Wir kennen uns ja noch aus der Zeit der basisdemokratischen GEW, als wir im Leitenden Ausschuss der jeweiligen Studierendengruppen aktiv waren.

Genau, Klaus Will für die Freie Universität, Michael Retzlaff und Meinhard Jacobs für die damalige Pädagogische Hochschule, Ralf Friese für die damalige HDK und ich für die Technische Hochschule.

Was hast du nach dieser Zeit gemacht?

Na ja, nach dem Ersten Staatsexamen habe ich mit anderen zunächst eine Baufirma gegründet. Zum einen, weil es damals schwierig war, in den Schuldienst zu kommen – auch aus politischen Gründen. Zum anderen aber auch, weil wir uns gesagt haben, dass wir als Berufsschullehrer zumindest etwas Praxis haben sollten. Da haben wir dann Dachausbauten und solche Sachen gemacht. Immerhin drei Jahre von 1979 bis 1982. Ich wollte auch mal ausprobieren, ob ich so etwas kann. Erst danach habe ich dann das Referendariat gemacht,

Und ab wann hast du dann unterrichtet?

Ich bin 1984 in den Schuldienst gegangen. Da ich immer etwas Veränderung brauche, habe ich einige Jahre später ein Projekt mit dem DGB und der TU begonnen über Gewerkschaftsarbeit und Berufsbildung. Aus diesem Projekt ist von 1992 bis 1995 meine Promotion geworden. Jetzt brauchte ich dringend wieder eine Veränderung und wollte ins Ausland, ich bin dann nach Südamerika gegangen. Dort habe ich für den DED ein Projekt zur Trinkwasserversorgung in indigenen Dorfgemeinschaften in Guatemala gemacht und war später für die GTZ als Berater in Argentinien tätig. 2001 bin ich dann zurück nach Berlin und habe hier noch einige Jahre freiberuflich meine Beratertätigkeit fortgeführt, was ich immer noch mache.

Und ab wann bist du dann wieder in der Schule gewesen?

2002 bin ich wieder eingestiegen, habe dann aber relativ schnell eine halbe Stelle als Fortbildner am LISUM im Bereich Berufsbildung bekommen. Als das LISUM in Berlin aufgelöst wurde und nach Ludwigsfelde ging, habe ich die regionale Fortbildung für die berufsbildenden Schulen konzipiert, mit aufgebaut und durchgeführt. Nach diesem Konzept läuft auch heute noch der größte Teil der Fortbildung bei uns. Da bin ich immer noch stolz drauf.

Und was findest du nicht so gut?

Ich finde so im Nachhinein, dass ich in Sachen beruflicher Bildung zwar in Fachkreisen viel getan habe. Das kann man auch an der Menge der Publikationen ablesen. Aber ich muss selbstkritisch sagen, dass ich mich in diesen Sachen zu wenig politisch betätigt habe. Also nicht stärker an die allgemeine Öffentlichkeit gegangen bin. Denn inzwischen haben wir eine ausgewachse Krise in der beruflichen Bildung, die ja nicht über Nacht gekommen ist. Wir hätten schon viel früher und lauter Alarm schlagen müssen. Dass zum Beispiel Studien nicht veröffentlicht werden, die Fehlentwicklungen in den Beruflichen Schulen untersuchen und Vorschläge für einen besseren Unterricht machen.

Warum denn das?

Weil es eben nicht passt. Stattdessen wird weiter gewurstelt mit dem Ergebnis, dass mittlerweile die Abbruchquote in den dualen Ausbildungsberufen der beruflichen Schulen Berlins bei über 40 Prozent liegt. Und insgesamt kommen mal gerade 25 bis 30 Prozent der Auszubildenden auch tatsächlich in den gewählten Berufen an. Es ist nicht nur so, dass wir zu wenig ausbilden, sondern wir bilden so schlecht aus – der Fachunterricht wird von den Auszubildenden immer schlechter beurteilt – dass selbst von den Ausbildungswilligen am Ende nur noch ein Viertel tatsächlich auch im Beruf anfängt. Das ist mehr als blamabel. Andere Bundesländer machen das viel besser.

Wie kommt so etwas? Das kommt doch nicht von heute auf morgen?

Nein, das stimmt. Aber die Senatsbildungsverwaltung hat so ziemlich alles verkehrt gemacht, was man verkehrt machen kann. Das hat sich im Laufe der Zeit angehäuft und zeitigt nun diese Ergebnisse.

Etwas konkreter, bitte.

Es ist so, dass die Ressourcen für die curriculare Entwicklung im berufsbildenden Bereich fast vollständig gestrichen wurden. Damit fällt ein wesentlicher Teil für die Modernisierung des Unterrichts weg. Das fällt umso mehr ins Gewicht als hinzukommt, dass es einen extremen Lehrkräftemangel gibt. Ähnlich wie bei den allgemeinbildenden Schulen überwiegen inzwischen die Quereinsteiger. Hinzu kommt, dass auch in den Leitungen immer weniger Fachleute sitzen, die wissen, was in den jeweiligen Bereichen läuft. Der fachliche Aspekt ist in weiten Teilen der Schulleitungen heute unterrepräsentiert. Das gilt im gleichen Maße für die Schulaufsicht. Allerdings gibt es an den OSZ innovative Kollegen und Teams, die sich entwickeln und sehr gute Arbeit machen. Mit denen haben wir als Fortbildner gearbeitet.

Mit anderen Worten: Überall sitzen Leute, die für die berufliche Bildung kaum ausreichende Kenntnisse haben.

Das ist das Problem. Berlin hat sich zu weiten Teilen aus Modernisierungsdiskussionen im Bundesgebiet abgekoppelt. Berlin selbst macht aber auch nichts eigenes, weder gibt es Tagungen noch Fortbildungen, die Tendenzen wie die Digitalisierung in den Berufen der beruflichen Bildung zum großen Thema machen.

Und was macht die Wirtschaft oder die Handwerkskammer? Warum wehren die sich nicht dagegen?

Zumindest die Wirtschaft wehrt sich auf ihre Art. Berlin ist eine Hochburg der privaten beruflichen Schulen. Und der Boom hört nicht auf. Die machen sich ihre eigenen beruflichen Schulen und ziehen dadurch noch mehr Ressourcen von den OSZ ab. Es ist wirklich ein Jammer, denn das betrifft vor allem attraktive Bereiche, dort werden dann die OSZ zur Restgröße. Und die Politik lässt das einfach geschehen.

Aber die Berufsbildner*innen der GEW haben sich bislang auch sehr bedeckt gehalten. Sowohl was diese Kritik betrifft als auch bei der Organisation von Tagungen?

Ja, da haben wir auch tatsächlich noch Defizite. Ich habe ja schon gesagt, dass ich mir selbst vorwerfe, zu wenig politisch tätig geworden sein. Aber das muss ja nicht so bleiben.

Na, da sind wir gespannt auf die zahlreichen Veranstaltungen zur beruflichen Bildung. Hans-Jürgen, wir bedanken uns für das Gespräch.