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Gesund bleibenWas Sozialarbeiter*innen belastet

Beschäftigte in der Sozialen Arbeit entwickeln oft Bewältigungsstrategien, um mit den Herausforderungen ihrer Arbeit umzugehen. Arbeitgeber sind gefordert, organisatorische Rahmenbedingungen und Anstellungs-verhältnisse zu schaffen, um fachliches Handeln auf hohem Niveau und sichere Lebensverhältnisse zu ermöglichen.

03.12.2018 - von Barbara Lochner

Die beruflichen Herausforderungen in der Sozialen Arbeit zu definieren, ist nicht einfach. Zu unterschiedlich erscheinen die Anforderungen und Rahmenbedingungen in den jeweiligen Tätigkeitsfeldern. Die im Jahre 2017 veröffentlichte Studie »Arbeitsbedingungen als Ausdruck gesellschaftlicher Anerkennung Sozialer Arbeit« von Sarah Henn, Barbara Lochner und Christiane Meiner-Teubner spricht sich dennoch dafür aus, nach grundlegenden Gemeinsamkeiten in der Sozialen Arbeit zu fragen. Sie möchte damit eine Basis für die gemeinsame berufspolitische Interessenvertretung schaffen. Die Studie argumentiert erstens, dass es professionelle Herausforderungen gibt, die grundlegend für die Soziale Arbeit sind. So ist es zum Beispiel kaum vermeidbar, dass es zu Konflikten kommt im Kontakt zu Adressat*innen, also Personen, die Leistungen der Sozialen Arbeit in Anspruch nehmen. Solche Situationen sind ein häufiger Bestandteil des beruflichen Alltags von Sozialarbeiter*innen. Zugleich sagt die Mehrheit der betroffenen Fachkräfte, dass sie das nicht sehr belastet. Ein Grund dafür könnte sein, dass der Umgang mit Konflikten zum professionellen Auftrag gehört. Wie gut sich solche Situationen bewältigen lassen, hängt aber nicht allein von den fachlichen Kompetenzen der Sozialarbeiter*innen ab. Entscheidend sind gleichfalls die Rahmenbedingungen, die den Fachkräften von ihren Arbeitgeber*innen zur Verfügung gestellt werden. Diesbezüglich lassen sich zweitens allgemeine Anforderungen an die Gestaltung der Beschäftigungsverhältnisse ausmachen. Sehr relevant ist, welche Möglichkeiten in der Organisation zur Verfügung stehen, mit beruflichen Belastungen umzugehen. So finden Sozialarbeiter*innen, die sich nicht entsprechend ihrer beruflichen Anforderungen weiterqualifizieren können, diese Situation häufiger als belastend als andere Berufsgruppen. Von Abstrichen bei der Qualität aufgrund des Arbeitspensums berichtet die Hälfte aller Sozialarbeiter*innen und auch das wird als äußerst belastend wahrgenommen. 

Daneben spielen für das Wohlbefinden von Sozialarbeiter*innen auch die »harten Fakten« des Arbeitsverhältnisses eine Rolle, etwa das Einkommen und die Beschäftigungsperspektive. Mehr als ein Viertel der Sozialarbeiter*innen macht sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft.

Knapp zwei Drittel der Sozialarbeiter*innen halten ihr Einkommen für unangemessen, was drei von vier Beschäftigten als persönlich belastend empfinden. Arbeitgeber*innen in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit sind deshalb doppelt gefordert: Ihre Aufgabe ist es erstens Rahmenbedingungen zu schaffen, die fachliches Handeln auf hohem Niveau ermöglichen und unterstützen. Zweitens müssen sie Anstellungsverhältnisse gewährleisten, die für die Arbeitnehmer*innen stabile Lebensverhältnisse und ein angemessenes Auskommen sicherstellen.

Die wenigen Befunde zu den Folgen hoher Arbeitsbelastungen in der Sozialen Arbeit machen deutlich, dass sich schlechte Arbeitsbedingungen auf die Qualität der professionellen sozialen Dienstleistung und das psychische und physische Wohlbefinden der Arbeitnehmer*innen auswirken. 

Eine Online-Befragung zur »Arbeitssituation und Personalbemessung im ASD« hat ergeben, dass das Risiko psychischer Erkrankungen in der Sozialen Arbeit bereits ohne »erschwerte Bedingungen« vergleichsweise hoch ist. Laut Fehlzeitenreport der AOK aus dem Jahre 2013 stellen solche Erkrankungen eine der zentralen Ursachen für Arbeitsunfähigkeit von Sozialarbeiter*innen dar. Dies ist keinesfalls nur auf eine übermäßige Neigung zur beruflichen Verausgabung zurückzuführen. Solche Deutungen suggerieren, dass Sozialarbeiter*innen im Grunde selbst schuld sind, wenn sie mit den Anforderungen ihrer Tätigkeit überfordert sind. Das widerlegen jedoch Befunde, die zeigen, dass sich der Organisationskontext auf das Wohlbefinden der Beschäftigten auswirkt. Im Rahmen des Forschungsprojektes »Zukunft Personalentwicklung« in der Jugendhilfe wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass die Mitarbeiter*innen von Einrichtungen, deren Merkmale in hohem Maße einer professionellen Organisation entsprechen – wozu fachliche Autonomie, kollegiale Entscheidungfindung und Adressat*innen-Orientierung zählen – seltener ausgebrannt und frustriert sind.

Engagement braucht Entlastung

Gegenüber organisationsbezogenen Maßnahmen der Bewältigung von Belastungen erweisen sich individuelle Bewältigungsstrategien weder als zielführend noch als wünschenswert: So wurden laut Fehlzeitenreport mehr als ein Drittel der Beschäftigten in sozialen Berufen einem »Schonmuster« zugeordnet. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass die Beschäftigten ihrer beruflichen Tätigkeit wenig Bedeutung beimessen sowie nur geringen beruflichen Ehrgeiz, eine niedrige Verausgabungsbereitschaft und kaum Perfektionsstreben zeigen. Bei diesen Beschäftigten beeinträchtigen berufliche Belastungen zwar kaum noch die Lebenszufriedenheit. Auch das Risiko, dass die Fachkräfte Aversionen gegen ihren Adressat*innen entwickeln und sich emotional erschöpft fühlen, sinkt. Ursache dafür ist aber vor allem, dass sie kaum noch beruflichen Ehrgeiz entwickeln und sich von fachlichen Anforderungen distanzieren. Entsprechend erscheint es fraglich, ob es Sozialarbeiter*innen im Schonmuster noch gelingen kann, sich emphatisch und zugewandt auf die Lebenswelt ihrer Adressat*innen einzulassen.

In den Daten der Studie »Arbeitsbedingungen als Ausdruck gesellschaftlicher Anerkennung Sozialer Arbeit« deutet sich zudem eine weitere Bewältigungsstrategie an: Mehr als 30 Prozent der Teilzeitbeschäftigten in der Sozialen Arbeit geben »sonstige Gründe« für ihre reduzierte Arbeitszeit an. Sie ist also weder persönlich und familiär, aus- und fortbildungsbezogen oder im Mangel geeigneter Vollzeitstellen begründet. Eine Hypothese ist in diesem Zusammenhang, dass zumindest für einen Teil der aus »sonstigen Gründen« Teilzeitbeschäftigten die Reduktion der Arbeitszeit als individuelles Modell dient, die Belastungen des Berufs zu kompensieren – bezahlt mit dem Verzicht auf Einkommen und soziale Sicherung.
 

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