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Klimakrise - was tun wir?Zeitdruck und Strukturwandel

Die IG Metall wird landläufig als »Autogewerkschaft« wahrgenommen und erscheint vielen eher als Bremserin beim Klimaschutz. Wenig bekannt ist, dass sich der Vorstand der Gewerkschaft schon lange Gedanken macht über die klimafreundliche Transformation der Industrie.

04.09.2020 - von Ralph Obermauer

Mitten durch Geist und Herz der Menschen laufen die Widersprüche der Umwelt- und Klimadebatte. So produzieren sie jedes Jahr gleichzeitig mehr Elektroschrott, Kleidungsabfall, touristische Reisekilometer, beheizte Quadratmeter und höhere Zustimmungsraten zum Klimaschutz. Eine Rekordzahl von 47,7 Millionen PKW-Besitzer*innen in Deutschland will mehrheitlich eine Verkehrswende und legt dabei jedes Jahr mehr Personenkilometer zurück. Nicht nur Konsument*innen haben gespaltene Egos. Viele Millionen von ihnen leben auch direkt oder indirekt von ökologisch schädlichen Gütern, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen. Ob in der Lebensmittelindustrie, der Energiewirtschaft, der Chemieindustrie, der Automobilindustrie, der Elektroindustrie, oder all den daran hängenden Dienstleitungen: Arbeitgeber wie Beschäftigte verdienen ihren Lebensunterhalt damit, anderen Menschen ihre nicht nachhaltigen Konsumwünsche zu erfüllen. Niemand zielt absichtlich darauf ab, das Klima aufzuheizen, Shareholder so wenig wie Arbeitnehmer*in oder Konsument*in. Doch gemeinsam tun sie es.

Man muss das wohl ein »System« nennen. Ein solches zu verändern ist nicht unmöglich aber sehr, sehr schwierig. Und es dauert. Diese Dauer ist das größte Problem. Denn nicht nur beim Klimawandel, auch bei anderen planetaren Belastungsgrenzen wie Artensterben, Süßwasserverbrauch oder Phosphor- und Stickstoffkreisläufen sind irreversible Kipppunkte bald erreicht. Wir stehen unter Zeitdruck. Gleichzeitig kämpft die Welt auch noch mit sozialen Krisen, Verteilungskonflikten, Migrationsbewegungen, Gesundheitskrisen, Religionskonflikten, Pandemien, Nationalismus, Rassismus, weltwirtschaftlichen Verwerfungen. All das nimmt die ohnehin begrenzte politische Aufmerksamkeit in Anspruch.

Die IG Metall bekennt sich zu den Klimazielen von Paris

Die Branchen der IG Metall sind vom laufenden Strukturwandel besonders betroffen, von der Automobilindustrie über den Maschinen- und Anlagenbau bis zur Stahlindustrie. Die IG Metall bekennt sich zu den 2015 vereinbarten Klimazielen der UN-Konferenz von Paris. Sie bekennt sich damit auch zur Dekarbonisierung der deutschen Industrie einschließlich der Sektoren Energie und Verkehr in Deutschland. Seit Jahren spricht die IG Metall in ihrer gesellschafts- und betriebspolitischen Arbeit von einer fundamentalen »Transformation«, in der sich all ihre Branchen befinden. Das ist für eine Industriegewerkschaft eine weitreichende und mutige strategische Entscheidung, besteht doch ihre Kernaufgabe neben der unmittelbaren Interessenvertretung ihrer Mitglieder in Tarifauseinandersetzungen und im Betrieb zunächst einmal in der – strukturerhaltenden – Verteidigung von Arbeitsplätzen. Mittel- und langfristig ist es aber keine gute Zukunftsstrategie, sich an überholte und absterbende Geschäftsmodelle zu klammern.

Mit der umwelt- und klimapolitisch im Grundsatz progressiven Ausrichtung sind die Konflikte aber natürlich nicht erledigt. Denn eine Transformation benötigt Zeit. Und wenn es darum geht, was wie schnell und wie weitreichend abgebrochen oder umgestaltet werden soll, dann scheiden sich die Geister und die Interessen sehr schnell. Die Industrie unseres Landes erfüllt Grundbedürfnisse der Menschen nach Energie, Mobilität, Kommunikation, medizinischer Versorgung, Unterkunft und Unterhaltung. Sie muss also nicht ab-, sondern umgebaut werden. Dazu müssen Betriebe zunächst einmal weiterbestehen und dürfen nicht einfach ersatzlos stillgelegt werden. Wenn in unserem Land zu viele Menschen in zu vielen Regionen in zu kurzer Zeit arbeitslos werden, dann erzeugt das gesellschaftliche Ablehnung und Angst gegenüber Klima- und Umweltschutz. Im Spannungsfeld von Tempo und Umbau, Zeitdruck und Erneuerung, Sicherheit und Wandel liegen die Reibungspunkte zwischen den Perspektiven der Klimaschützer*innen und der Gewerkschafter*innen.

Die Perspektive von Klimaschutz und Gewerkschaft miteinander verbinden

Doch nur im Bündnis beider Perspektiven wird der Umbau gelingen. Klimaaktivist*innen und Umweltpolitiker*innen erkennen immer besser, dass die Wende zur klimaneutralen Wirtschaft nur gelingt, wenn den Menschen der Weg in ein neues Arbeitsverhältnis nicht als existentielles Risiko erscheint. Es ist zentral, dass die Beschäftigten beim Megaprojekt dieser Transformation nicht alleine gelassen werden. Die IG Metall setzt sich seit Jahren für verbesserte Qualifizierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten ein, auch im Verbindung mit Kurzarbeit. Wir brauchen eine aktive Industrie- und Arbeitsmarktpolitik mit mehr Investitionen in Zukunftstechnologien und mit regionalen Weiterbildungszentren, damit Perspektiven auf neue und andere Jobs entstehen. Und wir brauchen eine bessere Regulierung des Arbeitsmarktes, damit auch diese neuen Arbeitsverhältnisse nicht erst mühsam über Jahrzehnte von prekären in sichere und tarifgebundene verwandelt werden müssen. Dies sind nur einige Stichworte für Bündnisperspektiven in einem sozial-ökologischen Umbau.

Wichtig wäre in einem solchen Bündnis auch, sich nicht über die Radikalität von weit entfernten Zielvisionen (»autofreie vs. autoarme Innenstädte«; »85 Prozent vs. 95 Prozent CO2-Reduktion bis 2045 vs. 2050) auseinander zu kämpfen, sondern sich auf Gemeinsames zu konzentrieren, auf schnell und zweifellos einzuschlagende Pfade sowie unstrittige, konkrete Schritte: Vom systematischen Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs, über die Verlagerung des Güterverkehrs auf Schiene und Wasser, vom besser gebündelten innerregionalen Lieferverkehr bis zur Elektrifizierung der Antriebe und dem Aufbau der entsprechenden Ladeinfrastruktur. Erneuerbare Energien müssen schneller ausgebaut, Gebäude schneller energetisch modernisiert werden. Grüne Stahlproduktion braucht Investitionshilfen und Schutz vor Klimadumping. Auch dies sind nur einige Beispiele, bei denen IG Metall und Umweltpolitik zusammenarbeiten können und es seit einiger Zeit auch bereits tun. Es bleibt ein Wettlauf gegen die Zeit.