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Schule

Schule im Ausnahmezustand

Wie sich die Sicherheitslage an Schulen in Israel und an jüdischen Schulen in Berlin nach dem Terrorangriff der Hamas verändert hat.

FOTO: SILVIA STIENECKER

Die Kinder sind total durcheinander, manchmal fangen sie ganz plötzlich an zu weinen oder stellen Fragen über Gaza und die Hamas«, erklärt Inbal Kott, Grundschullehrerin in der israelischen Siedlung Peduel im Westjordanland. Im Sommer 2022 hat sie wie die anderen im Text genannten israelischen Lehrkräfte in Berlin am deutsch-israelischen Begegnungsseminar »Aufklären und Haltung zeigen« der GEW und der Histadrut HaMorim, der israelischen Lehrer*innengewerkschaft, teilgenommen. Themen des seit mehr als 50 Jahren durchgeführten Seminars sind die Holocausterziehung, der Austausch über die jeweiligen Biografien und die Bildungsarbeit gegen Antisemitismus.

 

Bewaffnet zur Schule

 

Nach dem 7. Oktober herrscht an israelischen Schulen Ausnahmezustand. Raketenalarme unterbrechen den Unterricht, Schüler*innen haben Angst um Väter, Mütter und andere Verwandte, die bei der Armee sind. Zehntausende Kinder mussten vor der Gewalt im Süden Israels fliehen, auch im Norden wurden Ortschaften evakuiert. Und die Lehrkräfte? Inbal Kott hat einen Waffenschein beantragt. Die sechsfache Mutter will ihre Familie und ihre Klasse beschützen. »Ich gehe dann auch mit meiner Waffe in den Unterricht. Wir haben keine Wahl, wir müssen uns verteidigen können«, sagt Kott. Dass vor israelischen Schulen immer Wachleute stehen, ist ein gewohntes Bild in Israel. Bewaffnete Lehrkräfte waren bisher aber eher Ausnahmen.

Der Unterricht findet in Israel nur dann statt, wenn keine Raketen fallen. Sonst müssen alle in den Schutzraum. Anderthalb Minuten soll das höchstens dauern, jedes Kind in Israel kennt den Ablauf durch regelmäßige Übungen. Da aber nicht alle Schulen, vor allem die älteren Gebäude, über ausreichend Schutzräume verfügen, findet Unterricht oft nur tageweise für wechselnde Gruppen oder online statt. Manche Eltern schicken ihre Kinder aus Angst gar nicht mehr zur Schule. »Für die Kinder und Jugendlichen ist das gar nicht gut, sie wollen doch ihre Freund*innen treffen«, sagt Jehudith Galili, Sekundarschullehrerin in Yehud-Monosson, südlich von Tel Aviv. Ihren 14-jährigen Sohn Ido lässt sie zur Schule gehen, aber nachmittags darf er nicht raus. »Ich habe solche Angst um ihn, dass er es nicht rechtzeitig in den Bunker schaffen könnte«, sagt Galili leise mit brüchiger Stimme. Sie will stark sein, den Schüler*innen Mut machen, aber das geht nicht immer. »Neulich bin ich in der Schule richtig zusammengebrochen, ich habe so geweint, dass ich nicht mehr in den Unterricht gehen konnte.«

 Schon vor dem Überfall der Hamas auf Israel herrschte große Personalnot an israelischen Schulen, doch jetzt wird die Lage noch schwieriger, weil auch Lehrkräfte als Reservist*innen zur Armee eingezogen wurden. »Oft müssen wir zwei Klassen gleichzeitig unterrichten, also ungefähr 70 Schüler*innen. Das geht eigentlich gar nicht«, sagt Inbal Kott. Unter normalen Umständen würde sie dann mit den Kindern auf dem Schulhof spielen, aber das ist nicht mehr erlaubt, weil es zu gefährlich ist. »Ich arbeite 150 Prozent, fast alle Männer an meiner Schule sind weg. Viel Unterricht fällt aus«, sagt Ronit Mashiach, Sekundarlehrerin aus Petach Tikva bei Tel Aviv.

 

Vor dem Terror geflüchtet

 

Besonders schwierig ist die Situation der vor dem Terror geflüchteten Kinder und Jugendlichen. Viele sind in Hotels oder Kibbuzen untergebracht worden, manche konnten bei Verwandten unterkommen. Viele haben Freund*innen und Familienangehörige verloren und brutalste Gewalttaten ansehen müssen. An regulären Unterricht ist da erstmal nicht zu denken, aber Freiwillige organisieren provisorischen Unterricht oder Freizeitangebote für die schwer traumatisierten Kinder, die die Gewalt direkt miterlebt oder Angehörige verloren haben.

»Diese Kinder können gar nicht vernünftig lernen, die brauchen therapeutische Hilfe«, sagt Galili. Anders als in Deutschland sind an vielen israelischen Schulen psychologische Berater*innen Standard, die die Lehrkräfte unterstützen. Auch für die geflüchteten Schüler*innen werden Beratungsangebote organisiert. »Wir müssen trotz allem einfach optimistisch bleiben«, sagt Orli Weiss, Grundschullehrerin in Masua im Westjordanland. Sie hat wenige Tage nach dem 7. Oktober Zoom-Meetings für ihre Drittklässler*innen veranstaltet, mit den Kindern per Computer gebastelt, gesungen und Yoga gemacht. Und natürlich über die aktuelle Situation gesprochen. »Die Kinder bekommen viel mit, auch wenn die Jüngeren nicht direkt die Nachrichten sehen«, sagt Inbal Kott.

Ganz wichtig ist es ihr im Gespräch mit den Schüler*innen zu betonen, dass nicht alle Araber*innen schlechte Menschen sind und die israelische Armee eine Verteidigungsarmee sei. Sie will weiterhin Schüler*innen zur gewaltfreien Konfliktlösung anhalten, auch wenn Soldat*innen und Waffen im hochgerüsteten Land omnipräsent sind. In ihrer Freizeit leisten viele Lehrkräfte, aber auch ältere Schüler­*innen Freiwilligenarbeit für die Armee, waschen die Wäsche der Soldat*innen, backen ihnen Kuchen und bringen Mahlzeiten vorbei. »Wir halten zusammen, egal wo man politisch steht, ob jemand religiös ist oder nicht«, sagt Jehudith Galili. Über die vor dem Anschlag immer weiter eskalierenden innerisraelischen Konflikte zwischen Ultrareligiösen und Säkularen, Rechten und Linken werde nun weniger gesprochen. Die Organisator*innen der Großdemonstrationen gegen die Netanyahu-Regierung koordinieren nun die Freiwilligenarbeit im ganzen Land und nutzen ihre Infrastruktur dafür. »Unser Zusammenhalt ist gerade das Einzige, was mich glücklich macht«, sagt Galili.

 

Wachsende Unsicherheit und Angst

 

Auch an den jüdischen Schulen in Berlin hat sich etwas verändert. Polizist*innen vor jeder jüdischen Einrichtung, hohe Zäune und Videokameras sind Standard, das ist ein gewohntes Bild in der Stadt. Nach der Eskalation im Nahen Osten wurde der Schutz aber noch einmal verstärkt. Die religiösen männlichen Schüler*innen der jüdischen Schulen in Berlin tragen draußen immer eine Mütze oder eine Baseballkappe, mit einer Kippa herumzulaufen gilt als viel zu gefährlich. Religiöse Symbole tragen, auf der Straße Hebräisch sprechen, all das geht nicht.

Die Soziologin Julia Bernstein kritisierte bei einer Veranstaltung im Jüdischen Gemeindehaus an der Fasanenstraße, dass dadurch jüdischen Kindern ein Teil ihrer Identität genommen wird, denn sie müssten immer verstecken, wer sie sind. In ihrer Studie »Antisemitismus an Schulen in Deutschland, Befunde-Analysen-Handlungsoptionen« aus dem Jahr 2020 hat sie dargestellt, wie unsicher sich jüdische Familien in Deutschland fühlen und wie überfordert Lehrkräfte oft im Umgang mit Antisemitismus sind, besonders mit der aktuell grassierenden Form des israelbezogenen Antisemitismus. »Ein Drittel der jüdischen Schüler*innen am Moses-Mendelssohn-Gymnasium war vorher auf anderen Schulen und hat da schlimme Erfahrungen gemacht. Sie sind also regelrecht zu uns geflüchtet«, sagt Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Bei einem weiteren Drittel haben sich die Familien laut Joffe aus Angst vor antisemitischen Anfeindungen von vorneherein für eine jüdische Schule entschieden. »Im Gebäude sind unsere Kinder total sicher, es gibt Einlasskontrollen, Panzerglas, Polizei und Security der jüdischen Gemeinde vor der Tür«, berichtet ein Vater.

Das Problem sei aber der Weg. Die Schüler*innen werden dazu angehalten, möglichst nicht in Gruppen zu gehen um auf dem Weg von der S-Bahn zur Schule nicht aufzufallen. Einige Eltern hätten sich jetzt entschieden, ihre Kinder lieber mit dem Auto zu bringen. Es bestehe aber grundsätzlich Vertrauen in die Sicherheitsmaßnahmen und den Polizeischutz.

Jüdische Schulen in Europa können jederzeit Ziel terroristischer Angriffe und antisemitischer Anfeindungen werden, daran hat man sich leider gewöhnt, theoretisch. Mit dem versuchten Brandanschlag auf die orthodoxe Gemeinde Kahal Adass Jisroel in der Brunnenstraße, die dort eine Schule und eine Kita betreibt, ist deutlich geworden, dass Juden*Jüdinnen in Deutschland ganz praktisch gefährdet sind.

 

Im Dialog

Beim deutsch-israelischen Gewerkschaftsseminar begegnen sich alle zwei bis drei Jahre Lehrkräfte der GEW und unserer Partnergewerkschaft Histradut HaMorim (Foto siehe oben). Ein Bericht über das Seminar 2022 findet sich hier: www.gew.­de/aktuelles/detailseite/aufklaeren-und-haltung-zeigen

Das nächste Seminar findet 2025 in Israel statt. Die Ausschreibung dazu erfolgt 2024 über die GEW-Website und den Newsletter Internationales (www.gew.de/internationales/newsletter-internationales). 

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher