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Schule

Sichere Orte für Geflüchtete schaffen

Wie der Healing-Classrooms-Ansatz zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung beitragen kann, erklärt Sophie Mrozynski vom International Rescue Committee.

Foto: IMAGO

bbz: Ihr arbeitet mit dem Konzept der »Healing Classrooms«. Was ist das?

Sophie Mrozynski: Dieser pädagogische Ansatz richtet den Fokus auf die Schaffung sicherer Lernumgebungen, in denen junge Menschen mit Fluchterfahrung die nötigen sozialen, emotionalen, sprachlichen und fachlichen Kompetenzen erwerben, um einen deutschen Schul- oder Berufsabschluss zu erlangen, ihr Potenzial zu entfalten und eigenverantwortlich an der Gesellschaft teilzuhaben. Das Konzept findet bereits seit mehreren Jahrzehnten im internationalen Kontext Anwendung, wo pädagogische Fachkräfte durch sichere Lernorte einen Gegenpol zu den durch die von Krisen und Konflikten ausgelösten Bedrohungen und Verlusten schaffen. Begleitende Wirkungsforschung im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts in Niger und Libanon zwischen den Jahren 2016 und 2018 hat gezeigt, dass Resilienzförderung und psychosoziale Unterstützung nicht nur die Selbstregulierung und eine positive Einstellung zur Schule und zum Lernen insgesamt fördern, sie gehen auch mit besseren Mathe- und Lesekompetenzen einher.

 

Welche Probleme benennen Pädagog*innen, die zu Fortbildungen zu euch kommen?

Mrozynski: Wir stellen in unseren Workshops häufig die Frage, »Was machen die Belastungen meiner Schüler*innen mit mir als pädagogische Fachkraft?« Häufig werden daraufhin Begriffe wie Hilflosigkeit, Ratlosigkeit, aber auch Frustration genannt. Viele Teilnehmende kommunizieren, dass sie zu wenig Unterstützung bei der Bewältigung der Herausforderungen erfahren und sich damit allein gelassen fühlen. Den Schulen und den pädagogischen Fachkräften wird eine enorme Verantwortung aufgeladen, auf der anderen Seite gibt es jedoch nicht ausreichend zugängliche Beratungsangebote. Auch die Konzeptlosigkeit, beispielsweise beim Übergang von der Willkommens- in die Regelklasse ist regelmäßig ein Thema. Dafür gibt es häufig nur Zielvorgaben und unverbindliche Handlungsempfehlungen, die Art und Weise der Umsetzung bleibt den Fachkräften selbst überlassen.

 

Woran könnt ihr dann ansetzen?

Mrozynski: Unser Ziel ist es, im Austausch mit den Fachkräften ihren Blick in eine andere Richtung zu lenken und so einen möglichst niedrigschwelligen Zugang zu Bewältigungsmöglichkeiten zu eröffnen: Wir blicken auf das, was bereits da ist, also das, was sie bereits alles unternehmen, um ihre Schüler*innen zu unterstützen. Auf diese Art kommt eine große und bunte Palette an Tools zusammen, die bereits in der täglichen pädagogischen Arbeit angewendet werden. Gemeinsam systematisieren wir diese und betten sie in das Healing-Classrooms­Konzept ein, das hier wie ein Rahmengerüst fungiert. Durch den Austausch mit den IRC-Referent*innen und Kolleg*innen, bekommen die Fachkräfte neue Impulse und erkennen, an welchen Stellschrauben sie nachjustieren können. Vor allem jedoch fühlen sie sich ermutigt und bestärkt, denn es wird deutlich, dass sie, trotz der fehlenden zeitlichen, räumlichen und personellen Ressourcen, bereits vieles sehr engagiert und richtig angehen.

 

Was rätst du Schulen, die eine gute Lebens- und Lernumgebung für geflüchtete und andere neu zugewanderte Schüler*innen schaffen wollen?

Mrozynski: Den Healing-Classrooms­Ansatz zu etablieren, ist eine Aufgabe für die gesamte Schulgemeinschaft, nicht nur für einzelne pädagogische Fachkräfte. Es handelt sich bei dem Konzept nicht um einen Ratgeber, der in schwierigen Situationen herangezogen werden kann. Vielmehr sind die Elemente, die wir in den Blick nehmen, die Basis dafür, dass inhaltliches Lernen überhaupt stattfinden kann. Die Voraussetzung für Bildungsteilhabe ist die psychosoziale Gesundheit der Lernenden.

Deshalb ist ein möglichst großes Netz an Verbündeten in der Schulgemeinschaft essenziell. Es muss ein Konsens darüber bestehen, dass der Blick stärker auf die Förderung von Wohlbefinden, Stärken und sozial-emotionalen Kompetenzen gerichtet werden muss und auf lange Sicht die Vermittlung von Inhalten davon profitieren wird. Uns ist bewusst, dass die Arbeit an einer Schule immer mit zeitlichen Zwängen verbunden ist. Deshalb muss hier generell die Bereitschaft entstehen, sich konstruktiv damit auseinanderzusetzen. Auch mit der Realität, dass neu zugewanderte Kinder und Jugendliche nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft zu uns kommen werden und ein Recht auf Bildung haben. Schulen und die dort arbeitenden pädagogischen Fachkräfte müssen grundsätzlich darauf vorbereitet sein, von Anfang an Orientierung zu geben und das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit zu stärken.

 

Welche Vorgaben und Hilfen sollten vonseiten der Politik und Verwaltung auf den Weg gebracht werden?

Mrozynski: Grundsätzlich bedarf die anspruchsvolle Arbeit von pädagogischen Fachkräften einer viel größeren Anerkennung und Wertschätzung. Dazu gehört auch, dass ihnen weitaus mehr Unterstützungs- und Beratungsangebote zur Verfügung gestellt werden, beispielsweise durch regelmäßige Supervisionen an Schulen oder Weiterbildungsangebote, die keine zusätzliche Belastung darstellen. Das Wohlbefinden der Fachkräfte muss generell stärker in den Fokus rücken und durch Präventionsmaßnahmen gezielt gefördert werden.

Die Schulen benötigen außerdem praktikable Konzepte, die von Expert*innengremien ausgearbeitet werden, beispielsweise zum Übergang von Willkommens- in die Regelklassen. Nur Empfehlungen und Zielvorgaben sind hier nicht ausreichend. Des Weiteren muss die materielle Ausstattung der Schulen ausgeweitet werden. So brauchen neu zugewanderte Schüler*innen Tablets, um mithilfe von Apps Sprachbarrieren zu überwinden.

Zudem muss an Schulen generell mehr für die Themen Flucht und Migration sensibilisiert werden. Wir müssen nachvollziehen, was es bedeutet, sich als junger Mensch mit Fluchtgeschichte an eine neue Lebensumgebung anzupassen und welche Ressourcen benötigt werden, um diese Herausforderung zu bewältigen. Gleichzeitig muss allen pädagogischen Fachkräften bewusst sein, wo die Grenzen ihres eigenen Handelns liegen und weitere Unterstützung, beispielsweise durch Schulpsycholog*innen, herangezogen werden muss.

Damit trauma- und diskriminierungssensible Bildungsarbeit überhaupt stattfinden kann, muss dieses Thema stärker und verbindlich in die Professionalisierung von pädagogischen Fachkräften integriert werden. Hierfür müssen von Expert*innen die Grundlagen geschaffen werden.

 

Inwieweit ist eure Arbeit auch für Schüler­*­innen ohne Fluchterfahrung relevant?

Mrozynski: Healing Classrooms ist ein niedrigschwelliges Angebot, das durch Struktur und Orientierung, Beziehungsangebote oder auch die Einbindung von Achtsamkeit einen Lernort zu einem sicheren Ort macht. Davon, ebenso wie von einer expliziten Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen, zum Beispiel für den Umgang mit den eigenen Gefühlen und Konfliktfähigkeit, profitieren nicht nur einzelne, sondern die gesamte Lerngemeinschaft. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von einem präventiv-universellen Ansatz, der sich an eine breite Zielgruppe richtet.

 

International Rescue Committee

Das International Rescue Committee unterstützt weltweit in über 40 Ländern Menschen, die von Katastrophen und Konflikten betroffen sind. Seit dem Jahr 2016 ist das IRC in Deutschland aktiv und setzt bundesweit Bildungsprojekte um. Weiterbildungs- und Beratungsangebote sowie Materialien zum Konzept der Heal-ing Classrooms werden aus Mitteln des Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds kofinanziert. Weitere Informationen: https://healingclassrooms.de

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher