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Schwerpunkt "Rastlos in der Uni"

Studieren bis zum Burnout

Unverhältnismäßige Seminaranforderungen belasten nicht nur die Gesundheit von Studierenden, sondern auch ihre Studienmotivation.

Foto: Bertolt Prächt

Das Studium hatte früher den Ruf einer Zeit der großen Freiheit, der Persönlichkeitsentwicklung und der Chancen. Davon ist für viele Studierende nicht viel zu spüren. Stattdessen zeigt sich: Mehr als ein Drittel aller Studierenden in Deutschland ist akut von Burnout bedroht. Das geht aus dem Gesundheitsreport hervor, der von der Techniker Krankenkasse 2023 veröffentlicht wurde.

Darin gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, dass die Prüfungen im Studium zu den Hauptbelastungsfaktoren gehören, weitere genannte Gründe waren Mehrfachbelastung durch Studium und Arbeit, Angst vor schlechten Noten, schwieriger oder umfangreicher Lernstoff, sowie finanzielle Sorgen.

 

Gesetzeswidrige Anforderungen

 

Im Berliner Hochschulgesetz wird eindeutig festgelegt, wie viel Zeit jede*r Vollzeitstudierende*r für das Studium aufwenden muss. Jedes Modul sieht einen bestimmten Arbeitsaufwand vor und ist mit einer bestimmten Anzahl von Leistungspunkten verbunden. Auf die Woche gerechnet sollten Studierende rund 29 bis 35 Stunden für das Studium aufwenden. Damit bleibt planmäßig eigentlich sogar neben dem Vollzeitstudium noch etwas Zeit in der Woche für Erwerbsarbeit, Hobbys und sonstige Verpflichtungen.

Die Realität sieht allerdings meist anders aus. Ali Mehrens vom Referent*innen-Rat der Humboldt-Universität kritisiert, dass die Arbeitsbelastung für Studierende unfassbar hoch ist. Aus Evaluierungen der HU geht klar hervor, dass Studierende zum Beispiel in den Naturwissenschaften bis zu 50 Prozent mehr Zeit pro Woche aufwenden, als nach dem Berliner Hochschulgesetz vorgesehen ist.

 

Bis zum Hals in Prüfungen

 

Ein Grund dafür könnte die zunehmend kleinteiligere Prüfungspraxis sein, die an den Berliner Hochschulen etabliert wurde. Studierende müssen in vielen Studiengängen regelmäßig – oft jede Woche – Abgaben tätigen. Effektiv werden dadurch also jede Woche Teilprüfungen durchgeführt, schließlich müssen die Studierenden die Aufgaben nicht nur abgeben, sondern sie auch tatsächlich bestehen.

Sofern sie diese Bestehensgrenze nicht erreichen, zum Beispiel, weil sie entgegen der Anforderung der Dozierenden die Abgaben nicht handschriftlich eingereicht haben, können sie gar nicht erst an der Prüfung teilnehmen. Die Möglichkeit zur Wiederholung gibt es oft erst ein Jahr später, Studienverlaufsverzögerungen sind also vorprogrammiert.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass oft die vom Gesetzgeber sowie der Kultusministerkonferenz als Höchstgrenze festgelegten 30 Stunden pro Leistungspunkt als Standard festgelegt werden. Alle drei großen Berliner Universitäten halten dies explizit in ihren zentralen Satzungen zu Studium und Lehre fest, auch an den anderen Hochschulen in Berlin finden sich diese Regelungen oft wieder. Dadurch entstehen für die Studierenden hohe Belastungen. Diese werden noch verstärkt, wenn der pro Leistungspunkt zulässige Aufwand sogar überschritten wird.

In der kürzlich neu erschienenen Publikation »Meine Profs sagen, sie dürfen das…!« des Referent*innen-Rats gibt es dafür ein Beispiel. In der Studien- und Prüfungsordnung (zum Beispiel im Fach Informatik) wird regelmäßig festgelegt, dass in einer Lehrveranstaltung im Verlauf des Semesters um die zehn Arbeitsblätter zu absolvieren seien. Dafür und für die Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltung wird insgesamt ein ECTS (entspricht 30 Stunden) veranschlagt. Wenn die Vor- und Nachbereitung insgesamt etwa 10 Stunden in Anspruch nimmt, bleiben folglich 2 Stunden pro Arbeitsblatt. In den Mathematikmodulen, wo diese Arbeitsblätter mehrere Seiten lang sind, brauchen Studierende in der Regel stattdessen mehr als 8 Stunden.

 

Zeit schaffen für Unterstützungsangebote

 

Tatsächlich liegt die Belastung rein durch das Studium folglich bei vielen Studierenden deutlich höher als eigentlich vorgesehen. Dazu kommen noch Erwerbstätigkeit (Studierende sind schließlich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mehr als doppelt so oft armutsgefährdet) und familiäre Verpflichtungen, und schon ist vom Versprechen der großen Freiheit im Studium nicht mehr viel übrig.

Dabei kann es auch ganz anders gehen. Bengt Rüstemeier aus dem Landesausschuss Studierende der GEW BERLIN appelliert beispielsweise, dass eine freiere Lernatmosphäre der psychischen Gesundheit der Lernenden zugutekomme. Außerdem bestünde aus seiner Sicht keine Notwendigkeit, sämtliche Übungsaufgaben zu verpflichtenden bewerteten Abgaben zu machen. Der Verzicht darauf würde auch die Dozent*innen entlasten, die ihre oftmals knappen Kapazitäten stattdessen in Unterstützungsangebote stecken könnten, die Studierenden tatsächlich helfen.

 

Die Motivation bleibt auf der Strecke

 

Er plädiert auch dafür, den Studierenden mehr zu vertrauen. »In den HU-Gremien habe ich manchmal den Eindruck bekommen, dass Studierenden gar nicht zugetraut wird, sich ernsthaft für ihr Studienfach zu interessieren, und sie deshalb mit hoher Arbeitsbelastung dazu gezwungen werden sollen. Das erreicht aber das genaue Gegenteil: Gerade, weil die Arbeitsbelastung in vielen Studienfächern so hoch ist, fehlt den Studierenden die Zeit, sich aus Eigenantrieb kritisch mit den Inhalten ihres Studiums zu befassen.«

Klar ist, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Für eine Fortsetzung der Überlastung und Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustands der Studierenden haben diese schlicht keine Zeit.

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher