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Gewerkschaft Viel prüfen, wenig machen

Die Vorsitzende der GEW BERLIN zu den Aussichten auf bessere Bedingungen im Bildungsbereich. Ein Blick in den Koalitionsvertrag von Rot-Grün-Rot.

03.01.2022 - von Martina Regulin

Nach der Veröffentlichung des Sondierungspapiers haben wir in Berlin gespannt auf den neuen Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und Linken gewartet. Nun ist er da: es sind 152 Seiten, und wir schauen interessiert auf die Bildung, die dann doch endlich unter Punkt 16, gefolgt von der Wissenschaft, Punkt 17, näher erläutert wird. Viele Forderungen der GEW BERLIN, die für eine gute Bildung der Kinder und Jugendlichen wichtig sind, wurden leider nicht aufgegriffen. Stattdessen gibt es zahlreiche Aufträge, bisherige Maßnahmen zu überprüfen. Das verzögert Veränderungen, und nur in Aussicht gestellte Veränderungen sind meiner Meinung nach nicht zielführend.

Der bestehende Fachkräftemangel in Kitas, Schulen und anderen Einrichtungen hat leider nicht zu einer Ausbildungsoffensive der Koalition geführt. Die »Einführung der Kita-Sozialarbeit durch pädagogische Fachkräfte« soll geprüft werden, und in den Jugendämtern wird »eine Stärkung der personellen Besetzung« angestrebt. Dies zeigt, dass die alten und neuen Regierungsfraktionen wissen, wo der Schuh drückt - in konkrete Maßnahmen übertragen wollen sie ihren Veränderungswillen jedoch nicht.

In der Hochschule sollen nachhaltige Personalstrukturen weiter gefördert und Karriereperspektiven durch eine Entfristung für haushaltsfinanzierte Wissenschaftler*innen nach der zweiten Qualifizierungsphase eröffnet werden. Hier werden der Aufwuchs der Finanzierung der Hochschulverträge von 3,5 Prozent sowie eine transparentere Form der Verhandlungsprozesse zugesagt. Diese Steigerung der Finanzierung der Hochschulen ist ein wichtiger Schritt, ob dies jedoch für die anstehenden Herausforderungen reichen wird, bezweifeln wir.

Die konkrete Zahl aus den alten Hochschulverträgen – eine Steigerung auf 35 Prozent der entfristeten Haushaltsbeschäftigten – wurde nie überprüft. Welches Ziel nun in den neuen Hochschulverträgen stehen soll, bleibt offen. Dabei ist zu konstatieren, dass die Zahl der befristeten und damit von den Maßnahmen gar nicht betroffenen Drittmittelbeschäftigten an den Hochschulen ständig steigt.

Um mehr Lehrkräfte an die Schulen zu bekommen, müssen diese an den Universitäten ausgebildet werden. Eine Zahl von 2.000 Absolvent*innen der Lehramtsstudiengänge wurden in den alten Hochschulverträgen bereits vereinbart. Leider verließen schließlich nur rund 950 Absolvent*innen die Universitäten. Die Koalitionäre scheinen die Vermutung zu haben, dass die Struktur des Lehramtsstudiums hierfür ursächlich sei, weil sie die Strukturen der Lehrkräftebildung insgesamt auf den Prüfstand stellen.

Die Verzögerung der Studienabschlüsse durch unzureichende Unterstützung innerhalb des Lehramtsstudiums und die Schwierigkeiten mit dem Praxissemester haben wir als GEW BERLIN immer wieder angemahnt. Im Koalitionsvertrag wird eine Evaluation zur Senkung der Studienabbrüche und eine Analyse der Studien- und Ausbildungsverläufe beauftragt. Ob nach der Veröffentlichung des Ergebnisses eine Änderung des Lehrkräftebildungsgesetzes überhaupt notwendig ist, muss sich erst noch zeigen. Hier wären Maßnahmen in dem Rahmen der jetzigen Studiengänge sicher sinnvoller, denn Veränderungen der Studiengänge brauchen auch in den Hochschulen mindestens zwei Jahre.

Bisher blieb Ernüchterung

Eine bessere Anerkennungspraxis für Pädagog*innen mit einem Studien- und Berufsabschluss aus dem Ausland ist ein guter Weg, genau wie der Ausbau der Quereinstiegsmaster. Diese Studiengänge ermöglichen direkt an der Universität die neuesten didaktischen Methoden für den fachspezifischen Unterricht zu erwerben, um dann für das Referendariat eine gute Basis zu haben. Eine Verbesserung der Bedingungen für Quereinsteiger*innen in den Schulen und im StEPS (Studienzentrum für Erziehung, Pädagogik und Schule) wäre ebenfalls dringend notwendig, aber hierzu gibt es keine Aussage.

Die wichtigste Stellschraube für die Fachkräftegewinnung in Bildungseinrichtungen ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Entlastungen für die vielfältigen Aufgaben, ein Ausbau der Professionen an den Schulen, um die unterschiedlichen Aufgabenfelder gut bearbeiten zu können, sind dringend erforderlich. Für den verlässlichen Aufbau multiprofessioneller Teams an den Schulen möchte die Koalition erst einmal ein Konzept entwickeln – bleibt abzuwarten, ob es nur bei einem Konzept bleibt. Für den Ganztagsbereich wird eine Qualitätsoffensive angekündigt, aber der Betreuungsschlüssel wird in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnt.

Wir unterstützen den Weg zu einem gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Erziehung. Wir müssen Kindern und Jugendlichen eine gute Ausgangsposition ermöglichen, damit sie gute und faire Bildungschancen haben. Auch die Kolleg*innen in den Kitas und Ganztagsschulen haben diese Haltung mehr als verinnerlicht und arbeiten täglich an diesem Ziel. Nach vielen Jahren des quantitativen Ausbaus von Betreuungsplätzen in den Berliner Kindertagesstätten und in der Ganztagsbetreuung haben wir alle gespannt und erschöpft auf das Koalitionspapier gewartet. Geblieben ist die Ernüchterung. Bildung und Erziehung finden in dieser Stadt scheinbar nur durch Platzangebote statt, die auch nicht überall in den Bezirken ausreichend vorhanden sind. Eine quantitative Verbesserung der Betreuungsrelationen, um inklusive Bildung in Kita und Schule zu erreichen, fehlt. Die Arbeitsbedingungen der Kolleg­*innen sind aber für eine gute Bildung der Kinder und Jugendlichen unabdingbar, damit sie nicht krank werden. Zeit für die Vor- und Nachbereitung der unmittelbaren pädagogischen Arbeit ist dringend notwendig, ebenso wie auch eine verlässliche Vertretungsreserve.

Vorsichtig optimistisch

Für Lehrkräfte wird die Verbeamtung kommen, aber erst zum Schuljahr 2023/24. Hierzu gibt es aber ebenfalls kaum Informationen. Für Kolleg*innen, die nicht verbeamtet werden können, bleibt unklar, wie eine Kompensation aussehen kann. An den Brennpunktschulen sollen Lehrkräfte Entlastungsstunden statt der Brennpunktzulage erhalten, das ist sicher ein begrüßungswertes Vorhaben. Die Erzieher­*innen an diesen Schulen haben aber von diesen Ankündigungen keine Arbeitsverbesserungen und werden wiederum vergessen. Die allgemein herausfordernden Arbeitsbedingungen durch multiprofessionelle Teams mit Sozialarbeiter*innen und anderen Professionen zu verbessern, wird nicht explizit ausgeführt. Kleinere Lerngruppen könnten für Lehrkräfte und Erzieher*innen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen herbeiführen, dies gilt für alle Schulen.

Insgesamt ist der Koalitionsvertrag hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Weniger Prüfen und stattdessen schnelle, gezielte Maßnahmen hätten wir uns gewünscht. Wenn die angestrebten Maßnahmen nach der Prüfung dann doch wirklich umgesetzt werden, so besteht für die Bildung in Berlin wenigstens noch eine Chance auf bessere Bedingungen für alle.