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Schule

Willkommenskultur: mangelhaft

Durch die mangelhafte Unterstützung neuer Lehrkräfte, verlassen diese oft vorzeitig die Schule, den Beruf oder die Stadt.

Foto: Adobe Stock

Sportwissenschaftler*innen, promovierte Geophysiker*innen, Diplomchemiker*innen und viele andere unterrichten Kinder in der Eingangsstufe oder der ersten Klasse, mitunter sogar als Klassenleiter*in. Dort, wo nur die fähigsten und erfahrensten Pädagog*innen den Grundstein für die Bildung und Erziehung unserer Kinder legen sollten, setzen Schulleitungen fahrlässig und verantwortungslos blutige Anfänger*innen, Referendar*innen oder Quereinsteiger*innen ein. Nicht, dass diese nicht motiviert sind und sich nicht mit guten Absichten an die Arbeit machten, aber das Handwerkzeug müssen sie beim Tun selbst herstellen.

Der Einsatz in der Eingangsstufe beschreibt sicherlich das krasseste, aber nicht das seltenste Beispiel von mangelhaften Beispielen des Umgangs mit Schulanfänger*innen im Lehrbereich. Auch in der Oberstufe entdeckt man Anfänger*innen, die ihre Gruppen auf das Abitur vorbereiten sollen, und auch dieses kann den Lebensweg entscheidend beeinflussen.

Aber auch der ganz »normale Einsatz« an Schulen bringt den Einsteiger*innen Herausforderungen, denen sie oft nicht gewachsen sind, ja auch nicht sein können. Einige verlassen schon vorzeitig die berufliche Laufbahn, andere halten durch und versuchen die Schule zu wechseln, in der Hoffnung, dass ihre Schule eine Ausnahme ist.

Gute Betreuung ist selten

Ich war lange und in verschiedenen Positionen im Schuldienst von Berlin tätig und arbeite seit meiner Pensionierung gelegentlich als Coach und Dozent für Quereinsteiger*innen. Meine Erfahrungen aus diesen Tätigkeiten lassen mich an der Kompetenz und dem guten Willen vieler Schulleitungen zweifeln. Ungeachtet der knappen Ressourcen sollten wir allerdings nicht diejenigen verprellen, die als letzte Notreserve den Personalmangel zu mildern versuchen.

Natürlich gibt es sehr vorbildliche Betreuungen durch die Schulen. Eine Fachleiterin hat der Lehrkraft die Schule gezeigt, ihr die Fachbereichsbeschlüsse zugänglich und sie mit der Schulordnung vertraut gemacht, ihr die wichtigen Personen vorgestellt, sie auf der Gesamtkonferenz vorgestellt, die Jahresplanung gezeigt, sie mit der Sammlung vertraut gemacht und vieles mehr. Es gab mitunter auch zwei Doppelsteckungen oder weitere freiwillige Angebote zum Hospitieren. Man bekam einen Raum für Besprechungen nach einem Unterrichtsbesuch, und auch die Schulleiterin war immer offen für ein kollegiales, beratendes Gespräch. Eine schulische Halbjahres- oder Jahresplanung hatten auch einige Schulen. Manche Schulen hatte auch eine kleine Broschüre im Angebot, in der die wichtigsten Dinge für Neuangekommene zu finden waren. Mitunter können diese ja auch einiges übersehen oder vergessen, dann hilft so ein Blättchen.

Problemklassen und Vertretungsunterricht

Leider spiegeln die gezeigten positiven Beispiele nur einen kleinen Teil meiner Erfahrungen wider, es überwiegt der Katalog an Versagen. Ich muss es leider in dieser Deutlichkeit ausdrücken, denn die Beispiele auf die ich mich hier nur ausschnittweise beziehe, zeigen das genaue Gegenteil von einer so dringend benötigten Willkommenskultur. Eine Kollegin ist aus der Befristung durch Personalkostenbudgetierung (PKB) in den Quereinstieg geflüchtet, weil sie an einer Grundschule in fast zwanzig unterschiedlichen Klassen eingesetzt wurde, in fast allen Fächern. Als Quereinsteigerin hat sie dafür gleich eine erste Klasse als Klassenlehrerin bekommen. Dass Neulinge nicht mit Rahmenlehrplänen vertraut gemacht werden, scheint die Regel zu sein. Ein*e Mentor*in wird nur selten an die Seite gegeben und wer die für sie wichtigen Personen sind, erfahren sie oft erst im Laufe des zweiten Halbjahres. Einteilung zu Vertretungsunterricht trifft Neulinge scheinbar überproportional, wie überhaupt eine Unterrichtszuweisung in »Problemklassen«, gefühlt beliebt zu sein scheint. Ein junger Kollege bekam immer gegen 23 Uhr in einer E-Mail mitgeteilt, in welcher Gruppe er am folgenden Morgen vertreten sollte. Auch nach einer Rücksprache änderte sich an diesem Verfahren nichts. Bei einigen dieser Einsätze hatten mich meine einst sehr erfahrenen und gutwilligen Kolleg*innen gefragt, ob ich nicht gut geschlafen hätte oder mein Haussegen aus dem Lot sei.

Dass sich der Einsatz von Quereinsteiger*innen an manchen Schulen zu häufen scheint, liegt natürlich nicht an den Schulen selbst. Es fehlt allerdings auch eine vernünftige Anweisung der Schulleitungen für den Einsatz von Neuankömmlingen im Berliner Schuldienst durch die Senatsverwaltung. Meine Hoffnung liegt natürlich auf der neuen Schulsenatorin und deren Expertise.

Dass wir alle nicht für die fatale Situation verantwortlich sind, in der wir uns nun schon seit einigen Jahren befinden, müssen wir uns nicht immer vorbeten, auch, dass wir schon vor Jahrzehnten davor gewarnt haben. Aber was wir jetzt tun können, ist doch, es denen, die hier mutig einspringen und dieses Riesenpaket an Aufgaben und Ausbildung auf sich nehmen, den Einstieg so wertschätzend und unterstützend wie möglich zu gestalten. Manche wissen dies und handeln auch verantwortlich, bei manchen Schulleitungen habe ich allerdings das Gefühl, dass sie mit einer billigen Verfügungsmasse nach ihrem persönlichen Gusto umgehen.

Wenn wir an den Schulen keine Willkommenskultur für die neuen Lehrkräfte entwickeln, dann wird uns auch eine Verbeamtung nicht retten.

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher