Zum Inhalt springen

Schwerpunkt "Rastlos in der Uni"

Zeit für mehr Zeit

Das aktuelle Wissenschaftssystem fördert nicht die schlausten Köpfe, sondern die Exklusion von Marginalisierten. Akademiker*innen müssen sich im Kampf um mehr Zeit mit anderen Beschäftigtengruppen verbünden.

Foto: Bertolt Prächt

In einer Gesellschaft, die sich individuelle Freiheit auf die Fahne schreibt, muss auch die Arbeitszeit vermeintlich freiwillig sein. Sie bietet deshalb verschiedene Begründungen an, warum es sich angeblich lohnt, bis zur Erschöpfung zu arbeiten. Weil man beispielsweise aus Liebe arbeitet (vor allem in Pflege- und Erziehungsberufen), sich im Beruf verwirklicht oder: aus Leidenschaft für die Wissenschaft.

Wer die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen und außeruniversitären Wissenschaftseinrichtungen nicht akzeptieren wolle, sei nicht mit Leib und Seele Wissenschaftler*in und gehöre, so die Implikation, damit auch nicht zu den vielbeschworenen Besten, die auf dem Weg zur Professur aus der Masse angeblich nur mittelmäßiger Forschender ausgelesen werden sollen. Kurzum: Eine unbefristete Stelle in der Wissenschaft müsse man vor allem genug wollen.

 

Gefördert wird das Mittelmaß

 

Vielerorts haben Wissenschaftler*innen darauf aufmerksam gemacht, wie sehr die aktuellen Arbeitsbedingungen eben nicht exzellente Forschung fördern. Kettenverträge mit kurzer Laufzeit belasten Beschäftigte, ständige Bewerbungen halten von der Forschungstätigkeit ab und das wissenschaftliche Sonderbefristungsrecht (je sechs Jahre in der Prä- und Postdoc-Phase) führt zu dem absurden Umstand, dass bestens ausgebildete Forscher*innen aus der Wissenschaft gedrängt werden.

Die damit verbundenen Unsicherheiten halten zudem den Pool an potenziell großartigen Forscher*innen homogen, da sie für Erstakademiker*innen, ausländische Kolleg*innen, und familiär Armutsbetroffene besonders hohe Hürden darstellen.

Die Anstellungspraxis in der Wissenschaft führt zu zunehmender Fremdbestimmung der Themen durch Drittmittelgeber statt Forschungsfreiheit; sie führt zu einem Abbau der für gute Wissenschaft zentralen Fehlerkultur; sie führt dazu, dass sich auf dem Kampfplatz der Antragsprosa diejenigen durchsetzen, die das Handwerk von Vermarktung und Traumschlossbau verstehen – Talente, die guter Wissenschaft diametral entgegenstehen.

 

Es krankt am Zeitmangel

 

Der gesamte Wissenschaftsbetrieb krankt an dieser Arbeits- und Zeitkultur: Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen können aus Zeitmangel ihre Studierenden nicht betreuen. Dabei hätten diese die Betreuung nötiger denn je angesichts einer Verdichtung des Studiums, den unaufgearbeiteten Folgen der Pandemie, zunehmender psychischer und finanzieller Belastung. Die Mitarbeiter*innen in Service, Technik und Verwaltung tragen die Folgen nicht nur in Form der Flut an stetigen Anträgen auf Weiterbeschäftigung und Neueinstellungen.

Für Mitbestimmung in der akademischen Selbstverwaltung und Engagement in Personalrat, Gewerkschaft oder politischen Vereinen und Parteien bleibt keiner der genannten Gruppen Zeit. Beschäftigte werden systemisch davon abgehalten, sich für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen einzusetzen oder überhaupt einmal zu identifizieren, welche Veränderungen für sie notwendig wären, um ein gutes Leben neben Lohnarbeit und Sorgeverpflichtungen führen zu können. Diese Anforderungen in Verbindung mit der Mär des wissenschaftlichen Genies, das freilich außerhalb geregelter Arbeitszeiten Drittmitteln und Erkenntnissen nachrennt, schwächt somit auch die Gewerkschaft.

 

Kampf für eine neue Zeitkultur

 

Die in diesem Dossier versammelten Beiträge zeigen, was für ein drängendes Problem Arbeitszeitverdichtung und fehlende Zeitautonomie – die eingeschränkte Möglichkeit, frei über die eigene Zeit zu bestimmen – auch im Wissenschaftsbetrieb auf allen Ebenen ist. Ein Blick auf dieses Thema hat das Potenzial, den Kampf um bessere Arbeits- und Studienbedingungen mit anderen Bewegungen zu verknüpfen.

Denn Zeitknappheit erleben Menschen in kapitalistischen Gesellschaften in allen Berufen, in der Erwerbslosigkeit, als Kinder und Jugendliche, wenn die Familienzeit knapp und der Druck in der Schule schon früh hoch ist und als Rentner*innen.

Die Forderungen nach einer Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes in den Kontext eines gesellschaftlichen Strebens nach einer besseren Zeitkultur einzubetten eröffnet einen Weg, individuelle Wünsche nach mehr selbstbestimmter Zeit in eine kollektive Kampagne zu übersetzen. Denn exzellente Wissenschaft entsteht nicht in individueller Aufopferung, sondern in einem Umfeld, das es Wissenschaftler*innen, Lernenden und wissenschaftsunterstützendem Personal ermöglicht, ihren Beruf ohne existenzielle Ängste auszuüben.

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher