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Lehrer*innenbildung

Zu viele gehen verloren

Die Qualität der Lehrkräftebildung leidet unter hierarchischen Machtverhältnissen.

Foto: Adobe Stock

Die enorme Belastung im Referendariat stellt eine große Hürde für den Berufseinstieg dar. Sie entsteht durch intransparente Bewertungskriterien, realitätsferne Bewertungsszenarien in Form von punktuellen Unterrichtsbesuchen und überholte Machtstrukturen.

Im Lehramt ISS/Gymnasien zeichnet sich eine Benachteiligung von Lehramtsanwärter*innen an inklusiven Schulformen ab, weil eine gymnasiale Fachlichkeit im Mittelpunkt der Lehrkräftebildung steht. Die meisten Seminarleitungen sind neben ihrer Seminartätigkeit an Gymnasien tätig, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass eine Tätigkeit als Seminarleiter*in neben der mehrschichtigen Differenzierung an Sekundarschulen kaum leistbar ist. Somit fallen Integrierte Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen hinten runter und Lehramtsanwärter*innen, die an solchen Schulen ihren Vorbereitungsdienst ablegen, werden strukturell benachteiligt und didaktisch unpassend begleitet.

 

Auf Machtkämpfe verzichten

 

In dem hierarchischen Machtsystem, dem angehende Lehrkräfte durchgängig unterliegen, werden diese teilweise wie Kinder oder Jugendliche behandelt, unabhängig von ihrem tatsächlichen Alter. Es werden von oben herab Hinweise gegeben und die Unterordnung unter einen Hoheitsanspruch erwartet. Selbst Ratschläge gängiger (Fach-)Didaktiker*innen und erfahrener Lehrkräfte aus der Praxis an ISS werden unter diesem Machtgefälle geringgeschätzt.

Von Lehramtsinitiativen wie Kreidestaub e.V. wird seit Jahren von Mitbestimmung, Demokratisierung und Neuer Autorität gesprochen. Das Konzept der Neuen Autorität fußt auf dem Verzicht auf einen Machtkampf zwischen hierarchisch gestellten Personen wie Erwachsenen und Kindern oder Jugendlichen. Die Machtverhältnisse zwischen Seminarleiter*innen und Referendar*innen verhalten sich symmetrisch zur Machtausübung gegenüber Schüler*innen im alten Autoritätsgedanken.

Mitunter wird auch die Tätigkeit als Personalratsmitglied dazu geführt haben, dass ich in meiner Ausbildung als missliebig galt. Lediglich mein Hauptseminarleiter unterstützte dies voll und ganz. Leider betraf es nicht nur mich, sondern einige weitere Personen, die sich während der ohnehin belastenden Zeit des Vorbereitungsdienstes noch solidarisch für die Rechte anderer einsetzten. Meinem Eindruck nach fühlten sich einige dadurch in ihrer Machtposition bedroht und wollten keine oder nur eine begrenzte Mitbestimmung jüngerer und niedriger gestellter Personen zulassen.

 

Oft fehlt Diversity-Kompetenz

 

Viele Seminarleitungen scheinen ein bestimmtes Ideal einer Lehrkraft im Kopf zu haben. Sie zeigen sich wenig offen für Diversität bei Lehramtsanwärter*innen, die nicht ins Schema passen. Dies sei hier kurz am Beispiel von Lehrkräften mit AD(H)S skizziert. Eine meiner Seminarleitungen wies mich zu Beginn des Referen­dariats darauf hin, dass ich oft abgelenkt wäre und Impulsen schnell nachgeben würde. Daraufhin bin ich dem Verdacht auf ADHS nachgegangen, was nach über einem Jahr zu einer offiziellen Diagnose führte. Sowohl meine Schüler*innen, als auch erwachsene Befürworter*innen sehen ADHS bei Lehrkräften nicht als ein Hindernis, sondern sogar als Ressource für die pädagogische Arbeit. Dies hat sich in einem Schüler*innenbrief an die Schulleitung über meinen Unterricht gezeigt, worin von »eine[r] inklusive[n] Lernumgebung« die Rede war, »in der jeder Schüler und jede Schülerin ermutigt wird, aktiv am Unterricht teilzunehmen und seine oder ihre Meinung auszudrücken«. Unser Bildungssystem kann es sich nicht leisten, neurodiverse Lehramtsanwärter*innen aufgrund von Abweichungen vom Lehrer*innenideal auszusortieren.

Wir brauchen gut ausgebildete Seminarleiter*innen und Lehrkräfte, die Mentor*innentätigkeiten an Schulen übernehmen. Dabei helfen könnten Pädagogische Hochschulen mit dualen Praxismodulen statt einer akademischen Universitätsausbildung, was in Baden-Württemberg umgesetzt werden konnte. Letzteres verfügt über eine Hochschulart eigener Prägung, welche wegen ihrer qualitativ hochwertigen und praxisnahen Lehrkräftebildung einen sehr guten Ruf genießt.

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher