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blz 04 - 05 / 2015Besser den Spatz in der Hand

Das Bonus-Programm für die Brennpunktschulen ist sehr zwiespältig, insbesondere im Oberschulbereich ist zusätzliche Unterstützung nötig

01.04.2015 - Nuri Kiefer, Leiter Vorstandsbereich Schule

Am 1. Februar 2014 startete das Bonus-Programm der Senatsbildungsverwaltung für sogenannte Brennpunktschulen. Dies sind Schulen, an denen der Anteil von SchülerInnen, deren Eltern von der Zuzahlung zu den Lernmitteln befreit sind, zu einem bestimmten Stichtag bei über fünfzig Prozent liegt.

Daher sind, so die Senatsverwaltung, diese Schulen benachteiligt und benötigen für ihre SchülerInnen »besondere und vielfältige schulbezogene Unterstützungsmaßnahmen.« Weiteres Kennzeichen an vielen Standorten sind überdurchschnittlich hohe Nichtbestehens- oder AbbrecherInnenquoten.

2014 wurden 219 Schulen in das Programm aufgenommen (etwa ein Drittel aller Berliner Schulen) und erhielten bis zu 100.000 Euro zusätzliche Finanzmittel, um beispielsweise Schulsozialarbeit oder eine intensivere Elternarbeit zu ermöglichen. Auch mit Kunst-, Theater- und Musikprojekten können die Schulen eigene Akzente setzen oder schulinterne Fortbildung für Lehrkräfte und ErzieherInnen organisieren. Auch Ausgaben für zusätzliche Lernausstattungen wie die Einrichtung einer Lernwerkstatt oder einer Schulbibliothek sind möglich. Dabei entscheidet jede Schule selbst, welcher Weg für sie der richtige ist und wie sie die Mittel aus dem Bonus-Programm einsetzt. Ziel des zunächst auf sechs Jahre angelegten Programms ist es, an den betroffenen Schulen das individuelle Lernen besser zu fördern und somit mehr SchülerInnen zu bestmöglichen Abschlüssen zu führen. Auch soll der Anteil derjenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, deutlich gesenkt werden. Schlussendlich glaubt die Bildungsverwaltung, mit dem Bonus-Programm die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft deutlich verringern zu können. Ein hehres Ziel!

Die Verteilung der Bonus-Schulen über das Stadtgebiet spiegelt deutlich den Sozialstrukturatlas Berlins wider. In Neukölln wurden 44 und in Mitte 33 Schulen in das Programm aufgenommen, in Pankow und Treptow-Köpenick jeweils vier, in Steglitz-Zehlendorf gar nur drei. Bei den meisten Schulen handelt es sich um Grundschulen, gefolgt von Integrierten Sekundarschulen ohne gymnasiale Oberstufe und Förderschulen. Lediglich fünf Oberschulen mit gymnasialer Oberstufe sind berlinweit im Programm.

Rettet das Bonus-Programm die Brennpunktschulen?

Aus dieser Verteilung ist bereits ersichtlich, dass insbesondere an den Grundschulen und Sekundarschulen in sozialen Brennpunkten die Probleme weit über das hinausragen, was mit den zusätzlichen Geldern aus dem Programm angegangen werden kann. Diese Schulen benötigen mehr Zeit pro Kind – und das bedeutet wesentlich mehr pädagogisches Fachpersonal in einem regulären Beschäftigungsverhältnis.

Zum Vergleich: Eine Vollzeit-LehrerInnenstelle schlägt mit etwa 60.000 Euro jährlich zu Buche. Also hätten Bonus-Schulen umgerechnet ein bis zwei Stellen zusätzlich. Wenn man aber berücksichtigt, dass an diesen Schulen aufgrund der erhöhten Arbeitsbelastung PädagogInnen häufiger krank werden, relativiert sich der Bonus zu einem Nullsummenspiel. Gemäß dem Motto »Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach« begrüßt die überwiegende Zahl der SchulleiterInnen von Brennpunktschulen den erweiterten Handlungsspielraum. Bis Dezember 2014 waren 2.270 Honorar-, Werk- oder Kooperationsverträge mit Einzelpersonen, privaten Bildungsanbietern oder Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe geschlossen. Rund 40 Schulen haben die Gelder genutzt, um Schulsozialarbeit an ihren Standorten auf- oder auszubauen. Bis zum Jahresende waren knapp 12,5 Millionen Euro der bereitgestellten 15 Millionen Bonusmittel verausgabt.

Verausgabung der Mittel bindet ohnehin knappe Leitungsressourcen

Die Verwendung und Abrechnung der Mittel brachte und bringt jedoch auch künftig einen nicht zu unterschätzenden Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand mit sich, der die ohnehin überdurchschnittliche Arbeitsbelastung für die Schulleitungen an Brennpunktschulen noch weiter erhöht.

Es müssen viele Gespräche mit den EmpfängerInnen der Gelder geführt werden, Zielvereinbarungen aufgestellt und mit der Schulaufsicht abgesprochen und nicht zuletzt auch die Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen kontrolliert werden. Gerade an Grundschulen, wo Schulleitungen ohnehin zu gering mit Leitungszeit ausgestattet sind, führt das Bonus-Programm somit zu weiterer unbezahlter Mehrarbeit.

Hinzu kommt, dass die hohe Belastung der Lehrkräfte und ErzieherInnen an Brennpunktschulen durch das Bonus-Programm kaum gemildert wird. Zwar sind aus dem Programm auch Maßnahmen der Gesundheitsprävention, der Fortbildung und der Verbesserung der Arbeitsplatzsituation finanzierbar, solche wurden im ersten Jahr aber nur an wenigen Standorten realisiert. Vielleicht auch deshalb, weil die Beteiligung der Kollegien und Elternschaft bei der Verwendung der Mittel nur unzureichend sichergestellt ist, denn »über die Mittelverwendung entscheidet die Schulleitung«, so die Auffassung der Senatsbildungsverwaltung.

Alles schick mit Bonusgeldern?

Nach dem ersten Jahr bieten die Rückmeldungen aus den Schulen und der Verwaltung durchaus zahlreiche Ansätze für ein positives Resümee. Aus Sicht der GEW BERLIN benötigen aber insbesondere die Brennpunktschulen über das Bonus-Programm hinaus weiterreichende Unterstützungsmaßnahmen, um sich insbesondere im Oberschulbereich nicht als Restschulen zu etablieren. Viele Leitungen von Schulen in sozialen Brennpunkten wünschen sich die personelle Ausstattung und die Klassengrößen zurück, die sie zu Hauptschulzeiten hatten.

Damit könnten dann auch die Lehrkräfte entlastet und die SchülerInnen individueller zu Abschlüssen geführt werden. Vor der Berliner Schulstrukturreform 2010, bei der die Haupt- und Realschulen zu den Integrierten Sekundarschulen zusammengelegt wurden, waren insbesondere an den Brennpunktschulen mehr Lehrkräfte in kleineren Klassen im Einsatz.

Die Hoffnung, dass sich durch die Zusammenlegung die SchülerInnenschaft leistungsmäßig besser durchmischt und dadurch Ressourcen eingespart werden können, hat sich insbesondere an den Standorten ohne gymnasiale Oberstufe in sozialen Brennpunkten nicht oder nur zu einem kleinen Teil erfüllt. Die Ressourcen wurden dennoch zurückgefahren. Auch aus solchen Sparmaßnahmen speisen sich schlussendlich die jährlich rund 15 Millionen Euro für das Bonus-Programm.

Hinzu kommt, dass beim derzeitigen LehrerInnenmangel gerade Brennpunkt-Schulen immense Probleme haben, genügend pädagogisches Fachpersonal zu bekommen. Denn viele Neu- und QuereinsteigerInnen möchten nicht an einer Schule in schwieriger sozialer Lage arbeiten. Und die, die es oft widerwillig dennoch tun, weil sie unbedingt nach Berlin oder in den Schuldienst wollen, sind meist nicht ausreichend auf die herausfordernde Arbeit im Umgang mit den SchülerInnen vor Ort vorbereitet. Um Bonus-Schulen auch für hoch qualifizierte PädagogInnen attraktiver zu machen, muss die Senatsverwaltung daher über zusätzliche Anreize für die Beschäftigten an diesen Standorten nachdenken, sei es in Form von Verringerung der Arbeitszeit oder finanziellen Zuschlägen.

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