GEW - Berlin
Du bist hier:

MigrationDas Gefühl vermitteln, nicht allein zu sein

Unbegleitete minderjährige Geflüchtete brauchen engagierten Beistand. Durch das Übernehmen einer ehrenamtlichen Vormundschaft unterstützen viele Berliner*innen neuankommende Kinder und Jugendliche

01.06.2019 - Ronald Reimann

März 2019, Rotes Rathaus, Säulensaal, am Mittwoch vor Frühlingsanfang. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) begrüßt rund 120 Berliner Ehrenamtliche, die sich für Geflüchtete engagiert haben. Müller und die Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Sandra Scheeres (SPD) haben eingeladen, um sich zu bedanken: Im Oktober 2015 wurden Ehrenamtliche gesucht, um die Interessen minderjähriger Geflüchteter als Vormund*in zu vertreten. Über 1.000 Ehrenamtliche konnten seitdem für diese Aufgabe gewonnen werden. »Das war und ist überwältigend, denn die Aufgabe ist sehr anspruchsvoll. Es ist an der Zeit, dafür öffentlich Dank zu sagen«, so Müller.

Rückblende, Sommer 2015. Tag für Tag kommen hunderte Geflüchtete neu nach Berlin. Die Berliner Verwaltung ging mit der Aufgabe, die Aufnahme der neu Ankommenden zu organisieren, buchstäblich in die Knie. Viele der Geflüchteten sind Kinder und Jugendliche, vertrieben oder geflohen aus ihrer Heimat, häufig nach einem lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer. Und viele kommen ohne ihre Eltern hier an. Herausgeworfen aus vertrauter Umgebung, hineingeworfen in eine fremde Welt. Im Jahr 2015 kamen 4.252 unbegleitete minderjährige Geflüchtete nach Berlin. Die für die rechtliche Vertretung dieser Kinder in Berlin zuständige Amtsvormundschaft im Jugendamt Steglitz-Zehlendorf war nicht mehr in der Lage, den gesetzlichen Schutzauftrag zu gewährleisten. In dieser Situation erging der Aufruf des Senats an die Berliner Bevölkerung, sich ehrenamtlich als Vormund*in zu engagieren. Und Hunderte meldeten sich binnen Tagen.

Claudia Parton übernahm eine ehrenamtliche Vormundschaft. Im Anschluss an die Rede von Michael Müller schildert sie ihre Erfahrungen: »Bei mir ist es jetzt zweieinhalb Jahre her, dass ich mein erstes Mündel kennengelernt habe. Da kam dieser 16-jährige Junge aus Afghanistan ein bisschen verlegen ins Büro vom Pangea-Hostel, das damals Notunterkunft für viele minderjährige Geflüchtete war. Mir war sofort klar: Das ist jemand, der setzt ganz schön viele Hoffnungen auf mich.«

Keine Angst vor neuen Aufgaben

Vormund*innen haben viele Aufgaben für ihre Mündel zu bewältigen. »Der Vormund hat das Recht und die Pflicht, für die Person und das Vermögen des Mündels zu sorgen, insbesondere den Mündel zu vertreten«, formuliert das Bürgerliche Gesetzbuch im Juristendeutsch. Vieles muss für geflüchtete Kinder geklärt und geregelt werden, nicht nur der Aufenthaltsstatus. Leben die Eltern? Besteht Kontakt zur Familie? Wie kann der Schulbesuch so organisiert werden, dass möglichst schnell die deutsche Sprache gelernt wird? Besteht ein Anspruch auf bezahlte Nachhilfe? Darf mein Mündel an der Klassenreise nach Kroatien teilnehmen? Ich sehe psychische Auffälligkeiten bei meinem Mündel, wo kann Hilfe erlangt werden?

Unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind in der Regel in spezialisierten Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht und haben dort Kontakt zu Gleichaltrigen. Mit den dort tätigen Fachkräften stehen regel-mäßig sehr engagierte und erfahrene Bezugsbetreuer*innen an ihrer Seite. Die ehrenamtliche Vormundschaft schafft aber eine zusätzliche wichtige Beziehung. Ehrenamtliche Vormund*innen können die Jugendlichen sehr viel besser bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer Wohnung unterstützen und andere soziale und kulturelle Zugänge schaffen. Darüber hinaus bleiben die Kontakte und Beziehungen oftmals über die Volljährigkeit hinaus bestehen, auch wenn die Vormundschaft formal beendet ist. Vormundin Claudia Parton beschreibt den Unterschied: »Ich kann natürlich nicht das Aufenthaltsgesetz außer Kraft setzen. Aber ich kann einem jungen Menschen das Gefühl vermitteln, dass er damit nicht alleine ist. Dass wir ein gemeinsames Thema haben. Dass es mir auch nicht mehr egal ist, ob er bleiben darf oder nach Afghanistan zurück muss.«

Vormund*innen bringen viel eigenes Wissen und Lebenserfahrung mit. Sie können aber weder Asylspezialist*innen noch Traumatherapeut*innen sein. Sie brauchen selbst qualifizierte fachliche Unterstützung. Das Land Berlin rief hierzu im Juni 2016 das »Netzwerk Vormundschaft« ins Leben. Die drei Träger des Netzwerkes, der Vormundschaftsverein der Caritas, Cura, der Betreuungs- und Vormundschaftsverein im Nachbarschaftsheim Schöneberg sowie XENION – Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte mit seinem Projekt akinda schulen, beraten und begleiten mit finanzieller Förderung seitens des Landes Berlin ehrenamtliche Vormund*innen. Das Netzwerk Vormundschaft führt regelmäßige Informationsveranstaltungen durch. Interessierte werden danach in einer Schulungsreihe qualifiziert. Dann folgt die Phase des Kennenlernens zwischen jungen Geflüchteten und potenziellen Vormund*innen. Stimmt die Chemie, sorgen die Träger des Netzwerkes Vormundschaft für einen reibungslosen Übergang von der Amtsvormundschaft hin zur gerichtlich bestellten Vormundschaft. Während der Vormundschaft stehen die Fachkräfte der drei Träger den Ehrenamtlichen und den Jugendlichen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite.

Gut vorbereitet sein

Ortswechsel. Dudenstraße in Kreuzberg, 2. Hinterhof, 2. Etage. 19 Uhr am Tag nach dem Bürgermeisterempfang. Im Schulungsraum des Vereins XENION sitzen fünf an einer Vormundschaft Interessierte und hören, welche Bandbreite an Aufgaben auf sie zukommt. Die vier Frauen und ein Mann kommen aus unterschiedlichen Bereichen wie Medizin, Bildung oder Verwaltung. Von den großen Themen Fluchtgründe und Fluchtthemen geht es über zu praktischen Fragen: Wer entscheidet, ob ein Zahn gezogen werden muss? Wer kommt für den Handyvertrag auf? Und darf ein Mündel einen Jahresvertrag für das Fitnessstudio abschließen? Aus der benachbarten Küche zieht der Duft gut gewürzten angebratenen Hackfleischs hinüber. Eine Gruppe Jugendlicher aus afrikanischen Ländern trifft sich dort zeitgleich zum »Kickern und Kochen«. Eine verlockende Ablenkung für die Teilnehmer*innen an der Schulung, die sich intensiv auf die Übernahme des Ehrenamtes vorbereiten. Mit ihren vielen Fragen stehen sie noch ganz am Anfang einer Aufgabe, bei der sich nicht immer genau vorhersagen lässt, wie sie sich entwickeln wird. Aber ihnen wird deutlich, dass es sich bei den »unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten« um ganz normale junge Menschen handelt, mit ganz normalen Problemen von Jugendlichen in diesem Alter: Erwachsenwerden, Lösung von der Kindheit, Entwicklung der sexuellen Identität. Hinzu kommt der Biografiebruch durch die Flucht, die Trennung von der Familie und die ungesicherte Lebenssituation im Aufnahmeland Deutschland.

Das Engagement ebbt ab

XENION mit seinem Projekt akinda begleitet ehrenamtliche Vormund*innen bereits seit dem Jahr 1997. Die Arbeit mit Ehrenamtlichen ist hier ein wesentlicher Teil der psychosozialen Versorgung von Geflüchteten. Als Ergänzung hat sich mittlerweile ein weiterer wichtiger Bereich entwickelt, nämlich die Vermittlung und Betreuung von Ehrenamtlichen, die Vormundschaften, Patenschaften oder Mentorenschaften übernehmen.

Aber die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren und eine nicht nur kurzfristige verantwortungsvolle Aufgabe für einen jungen Geflüchteten zu übernehmen, ist seit der Mitte des Jahres 2017 spürbar zurückgegangen. »Willkommenskultur und ein Wir-schaffen-das sind abgelöst worden von einem öffentlichen Diskurs, der von AfD und Neonazis befeuert wird und bei dem Geflüchtete nur noch als Eindringlinge und Gefahr wahrgenommen werden. Aber gerade die persönlichen Erfahrungen mit Geflüchteten und ihrer Lebensrealität in Deutschland machen immun gegen rechte Parolen und Feindbilddenken«, so Koch, Leiter von XENION. Weiterhin kommen monatlich zwischen 40 und 80 minderjährige Geflüchtete neu nach Berlin. Das Netzwerk Vormundschaft will für möglichst viele von ihnen engagierte Vormünd*innen finden. Neue Ehrenamtliche werden daher händeringend gesucht.

Claudia Parton zieht nach zweieinhalb Jahren als Vormundin ein positives Fazit: »Ich bin stolz, wenn ich sehe, was dieser Junge unter ziemlich schweren Umständen alles auf die Reihe kriegt. Wir haben ganz viel verändert und jetzt kommt er in der Schule richtig gut mit. Was aber noch viel, viel wichtiger ist: Seine Familie ist da. Wir haben sie fünf Tage vor seinem 18. Geburtstag vom Flughafen abgeholt: Mama, Papa und alle drei Geschwister. Das war einer der besten und berührendsten Momente, die ich als Vormundin hatte. Drei Jahre war die Familie getrennt. Jetzt sind wir dabei zu schauen, wie dieses Leben in Deutschland auch für sie gut funktionieren kann.«


akinda freut sich über alle Interessierten, die sich vorstellen können, eine Vormundschaft zu übernehmen. Kontakt: Tel. 030-880667374 oder akinda@xenion.org


Der Artikel ist eine Reaktion auf den Text »Lost in Germany« von Markus Laugsch, bbz 03/19

Zurück