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TendenzenDer Lebensweg von Hermann Schulz

Ein Schulreformer, der bis an sein Ende gegen den Nationalsozialismus kämpfte und zuletzt in den Tod getrieben worden ist. Heute trägt eine Grundschule in Reinickendorf seinen Namen. 2018 ist für ihn in Reinickendorf ein Stolperstein gelegt worden.

Die dortige Initiative hat auch seinen Lebenslauf erarbeitet.

 

15.05.2020 - von Eckhard Rieke

Hermann Schulz war während der Zeit des Nationalsozialismus die prägende Persönlichkeit der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) in Reinickendorf. Er wurde am 10. September 1890 in Berlin geboren. Nach dem Abitur trat er zunächst eine Lehre als Bankkaufmann an. Diese brach er jedoch ab, nachdem er eine Streikbrecherkolonne kritisiert hatte und daraufhin von der Bankleitung zur Aufgabe der Lehre bewegt worden war. Anschließend besuchte er das Lehrerseminar in Oranienburg und arbeitete ab 1913 als Lehrer in Reinickendorf.

Zum Wehrdienst im 1. Weltkrieg wurde er wegen einer Knieversteifung nicht einberufen. Im Juli 1918 heiratete er Ella Stephan, geboren am 20. Juli 1896 in Grünberg/Schlesien, mit der er einen Sohn bekam. Zur Zeit der Eheschließung war Hermann Schulz als Lehrer in Borgsdorf bei Oranienburg tätig. Dort gründete er gemeinsam mit seiner Frau eine Abteilung der USPD, einer linken Abspaltung der SPD. Deswegen wurde er 1920 durch die Schulverwaltung nach Berlin strafversetzt und unterrichtete fortan in der weltlichen Abteilung der 9. Volksschule in Berlin-Reinickendorf, Auguste-Viktoria-Allee 37, dem heutigen Gebäude der Max-Beckmann-Schule.

Als Lehrer prägte er als entschiedener Verfechter der Reformpädagogik die Arbeit der Schule. Zu deren Ideen gehörten die Bildung einer differenzierten Einheitsschule mit Pflicht- und Wahlbereichen und die Betonung produktiver Arbeit. Nach Auflösung der USPD trat er zunächst der SPD bei, später der SAP. Die SAP lehnte einerseits den »Reformismus« der SPD und die Tolerierung der nationalistischen Regierung Brüning ab, andererseits aber auch die »Sozialfaschismusthese« und die mangelnde innerparteiliche Demokratie der KPD.

Das Jahr 1933 brachte Hermann Schulz in existentielle Probleme. Er verlor seine berufliche Stellung, als ihn die Nationalsozialisten aus dem Schuldienst warfen. Bis 1939 blieb er arbeitslos. Im Jahr 1933 wurde auch die SAP verboten. Die Mitglieder führten fortan ihre engagierte Widerstandsarbeit gegen den Nationalsozialismus in der Illegalität fort. Gemeinsam mit seiner Frau verfasste und verteilte er antinazistische Flugblätter. In seinen Schulungen für die Parteijugend, bei denen ihn ebenfalls seine Frau unterstützte, mahnte er immer wieder zur Umsicht bei der Planung und Durchführung von Widerstandsaktivitäten. Dieses überlegte Handeln brachte ihm den Namen »Väterchen« ein. Schulz sorgte für den Zusammenhalt der illegalen SAP-Gruppen in Reinickendorf, Pankow und Wedding und unterhielt auch Kontakte zu Sozialdemokrat*innen, Kommunist*innen und weiteren Widerstandsgruppen.

Für den Unterhalt der Familie sorgte nach der Entlassung von Herrmann Schulz seine Frau. Nach langen Jahren der Arbeitslosigkeit fand Hermann Schulz 1939 wieder Arbeit und war zuletzt bei der Deutschen Bodenbank angestellt.

Sein politisches Engagement kostete ihn schließlich das Leben. Schulz wurde am Abend des 10. Oktober 1942 von der Gestapo in seiner Wohnung verhaftet. Er war Mitangeklagter in dem Verfahren gegen den Widerstandskämpfer und Journalisten Wilhelm Guddorf. Am 9. November 1942 erhielt seine Frau die Erlaubnis zum Besuch ihres Mannes im Hausgefängnis der Gestapo-Zentrale. Sie schilderte ihn als elend, verschmutzt, ausgehungert und von der Folter gezeichnet. Sie selbst wurde für einen Tag verhaftet, dann aber freigelassen. Bis Kriegsende stand sie unter Beobachtung. Am 12. November 1942 erhielt sie die kurze schriftliche Mitteilung, dass ihr Mann sich im Polizeipräsidium das Leben genommen habe. Er sei am 10. November nach der Kaffeeausgabe blitzschnell über das Geländer gesprungen und mit dem Kopf aufgeschlagen. Laut Totenschein war die offizielle Todesursache Schädelbruch. 

Hermann Schulz ist begraben auf dem Friedhof Reinickendorf II in der Humboldtstraße.    

ENTRECHTET & VERFOLGT

In dieser Serie stellt die bbz Biographien verfolgter  Berliner Lehrkräfte vor. Bestimmt gab es auch an deiner Schule solche Fälle aus dem Nationalsozialismus.  Wäre das nicht ein Thema für den Unterricht? Schau doch mal in dein Schularchiv und schreibe uns: bbz(at)gew-berlin(dot)de

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