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GlosseDie Digitalisierung des Zuhauses

2031: Nachdem der Schulroboter KNUT in einigen Projektschulen die datenbasierte Verwertbarkeit der Schulbildung erfolgreich ermöglichte, wird jetzt das MyKnut getestet. Die bbz führt ein Interview mit einer Lehrkraft der Steve-Jobs-Schule in Neukölln.

08.10.2020 - von Ryan Plocher

Herr Müller, Sie unterrichten in einer KNUT-Klasse seit 2030 und haben seit diesem Schuljahr auch die MyKnuts. Wie kommt das bei Ihnen an?

M: Der Schulroboter KNUT nimmt schon viele der Verwaltungsaufgaben wahr. Die Personalisierung für die eigene Schule hat zwar eine Weile gedauert, aber mittlerweile führt KNUT das Klassenbuch akkurat. Und wenn die Ärzte nicht krakeln, ist auch die Kontrolle der Maser- und Coronaimpfpflicht über KNUT kinderleicht.

Also nutzen Sie die Unterrichtsauswertungsfunktion von KNUT nicht?

M: Meine Klasse ist sehr unruhig. Die Eltern haben nach einer Woche so viele Meldungen wegen Störung von KNUT bekommen, dass sie ihre Handynummer wechselten. Ich wollte aber weiter Kontakt pflegen und habe die Funktion ausgestellt.

Wir wollten aber über die MyKNUTs sprechen. MyKNUT ist ja ein Schulroboter für jedes Kind. MyKnut macht aus der langweiligsten Sachkundestunde eine mega-­fun Lern-Event, wie es im Werbejingel heißt.

M: Ja, mit MyKnut soll jedes Kind alle Aufgaben und alle Mitteilungen der Schulleitung automatisch digital bekommen und auch alle sonstigen Termine sollen automatisch eingepflegt werden. Was MyKnut auf jeden Fall ist, ist todessüß, in den Worten der Schüler*innen. MyKnut hat noch größere und noch süßere Augen als der Klassen-KNUT; damit soll er jedes Kind sehr genau beobachten und pädagogisch wie kommerziell aufwerten. Auf seine cute Art.

Das war viel »soll«. Sie klingen nicht überzeugt.

M: Bloß weil eine Information zuhause ankommt, heißt das nicht, dass sie verstanden wird, wahrgenommen wird und gegebenenfalls der Aufforderung nachgekommen wird.

Aber jetzt gibt es doch keine Ausreden mehr! Niemand muss mehr mitschreiben oder gar aufpassen!

M: MyKnut setzt voraus, dass die Voraussetzungen für die Schule bereits zuhause vorhanden sind. Wenn das Kind für die Betreuung von Geschwistern zuständig ist, wenn es keinen eigenen Platz hat, wenn keine Ruhe zuhause herrscht, dann werden die Aufgaben nicht erledigt, die Termine nicht zur Kenntnis genommen und die verschiedenen Formulare auch nicht unterschrieben. Da hilft keine Technik. Allerdings ist MyKnut schwer zu vergessen: Die Schüler*innen müssen sich jeden Morgen weit vor Schulbeginn einloggen, sonst piepst das Ding entsetzlich. Verschlafen in einer KNUT-Klasse erfordert ganz dicke Kopfkissen.

Aber was ist mit den MyReminders? MyKnut sollte die Schuldistanz gänzlich abschaffen.

M: Fiepende Roboter ersetzen niemals die Schulsozialarbeit. Außerdem verstehen nicht alle Eltern die Technik. Die »intuitiven« Sprechfunktionen funktionieren nur, wenn man akzentfreies Hochdeutsch spricht. Wer nicht klingt wie im Deutschlandfunk, muss per USB mit MyKnut agieren. Das verstehen auch nicht alle Eltern.

Digitalisierung ist also doch kein Allheilmittel.

M: Leider ist Bildung immer noch sehr sozial. Dafür braucht man Personal. Im Übrigen: Ich warte alle MyKnuts der Klasse selber. IT ist ja Sache der Lehrkräfte. Aber zum Glück hält MyKnut alle europäische Datenschutzregelungen perfekt ein.