GEW - Berlin
Du bist hier:

Mach mal digitalAchtung, Digital Gap!

Digitale Kompetenzen fehlen vielen Schüler*innen, vor allem den ärmeren. Fehlende digitale Bildung könnte deshalb unsere Gesellschaft zunehmend spalten. Nur der gute Wille, Medien- und IT-Kompetenzen zu fördern, reicht da nicht aus.

05.01.2018 - von Marei John-Ohnesorg

Es gibt viele positive Beispiele für das Erlernen von Medienkompetenzen. Sie sind dem Hintergrundpapier von Valerie Lange »Achtung, Digital Gap! Lernen in einer digitalen Welt« zu entnehmen. Bei einer Konferenz des Netzwerk Bildung der Friedrich--Ebert-Stiftung im Mai 2017 stellten Schüler*innen der Freiherr-vom-Stein-Schule in Neumünster sowie des Gymnasiums Würselen wiederum ihre Medienkonzepte vor.

In der Gemeinschaftsschule in Neumünster nutzen die Schüler*innen nach dem Prinzip des Bring Your Own Device ihre eigenen Geräte im Unterricht und können darüber hinaus auf ungefähr 100 schuleigene Computer und weitere 30 Leih-Tablets zurückgreifen. Im Unterricht werden ein Lernportalserver sowie eine digitale Lernumgebung genutzt. Die Schüler*innen berichteten positiv über die Nutzung von ausgesuchten Apps und Software, wie zum Beispiel bettermarks, die es ihnen ermöglicht, Inhalte interaktiv zu erarbeiten und zu vertiefen.

Die Schüler*innen aus Würselen sahen ebenfalls große Vorteile: Die Lehrkraft habe einen besseren Überblick über die verschiedenen Lösungen der Schüler*innen und könne dann exemplarisch Beispiele herausgreifen. Wichtiger noch ist eine Erkenntnis der begleitenden Lehrer*innen: Reine Laptopklassen, wie sie im Jahr 2011 eingesetzt wurden, ohne begleitendes Konzept, hätten nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt. Die jetzigen Erfolge basieren auf zweijährigen Vorarbeiten unter Einbeziehung von Schüler*innen, Eltern und der Beteiligung aller Fachkonferenzen. Den Lehrkräften war es außerdem wichtig zu betonen, dass weniger die leicht verbesserten Lernergebnisse im Vordergrund stehen, sondern dass sich eine andere Lernkultur entwickelt habe. Die Schüler*innen lernten eigenständiger und zeigten eine höhere Lernmotivation.

Das Beispiel der Laptopklassen zeigt, dass die Chancen bei der digitalen Bildung dicht neben den Risiken liegen. Die Digitalisierung erleichtert nicht nur Visualisierungen und interaktives Arbeiten, sondern auch Differenzierung. Gleichzeitig erfordert sie Lehr- und Lernmaterialien wie zum Beispiel Open Educational Resources, Fortbildungen und erhebliche Investitionen.

Nur wenn Medien aktiv und produzierend statt passiv konsumierend genutzt werden, lassen sich neue gesellschaftliche Spaltungen vermeiden, wie auch die Expertise von Birgit Eickelmann »Kompetenzen in der digitalen Welt« zeigt, die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt wurde. Eickelmann stellte fest, dass fast ein Drittel der 14-Jährigen einen Link anklicken oder eine E-Mail öffnen, die Informationen jedoch nicht weiterverarbeiten kann. Das ist keine Überraschung, wenn gleich-zeitig in der Studie deutlich wurde, dass die Nutzung neuer Technologien durch Lehrkräfte im Unterricht im Vergleich zu anderen Ländern noch gering ist.

Um die Unterrichtsgestaltung durch digitale Lehr- und Lernmaterialen zu erweitern, ist laut der Expertise von Eickelmann die Ausstattung mit sicheren Lernplattformen erforderlich. Auf diesem Weg lassen sich Dateien gemeinsam nutzen, Wikis erstellen, Aufgaben einstellen und bearbeiten sowie vieles mehr. Idealerweise sollten Entscheidungen über Lernplattformen nicht auf schulischer, sondern auf Landesebene getroffen werden. In mehreren Ländern wird Moodle genutzt, Nordrhein-Westfalen plant den Einsatz von LOGINEO, für den Geschichtsunterricht mit digitalen Medien bietet sich serlo an. Die Liste ließe sich fortsetzen. Digitale Schulbücher wiederum sind bisher noch nicht weit verbreitet. Hier geht es nicht um die digitale Version eines gedruckten Schulbuches, sondern um Weiterentwicklungen mit multimedialen Inhalten, die interaktives Arbeiten ermöglichen. Dabei ist klar, dass Pädagogik immer vor Technik geht. Die Orientierung an den Schüler*innen steht im Mittelpunkt. Gelingt jedoch die Umsetzung, bieten sich auch neue Möglichkeiten für die Umsetzung von Inklusion und den Umgang mit Heterogenität.

Schulleitungen sind stärker gefordert

Die Grundlagen für die genannten Entwicklungen wurden durch die Kultusministerkonferenz (KMK) mit der Strategie »Bildung in der digitalen Welt« gelegt. Mit ihr hat die KMK einen in sechs Kompetenzen geteilten Kompetenzrahmen festgelegt, nach dem alle Schüler*innen ab dem Schuljahr 2018/2019 lernen sollen. Die Kompetenzen werden von den Ländern in die Lehrpläne integriert. Eine zweite Vereinbarung betrifft die Ausstattung. Alle Schüler*innen sollen bis zum Jahr 2020 jederzeit Zugriff auf eine digitale Lernumgebung erhalten. Erforderlich sind Breitbandanbindungen der Schulen, Reformen in der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte sowie technischer Support und die Verwaltung der IT. Diese kann nicht, wie bislang, dauerhaft durch einzelne engagierte Lehrkräfte erfolgen. Auf der Grundlage dieser Strategie der Kultusministerkonferenz wurde im Juni 2017 der DigitalPakt Schule von Bund und Ländern vorgestellt, der jedoch bis heute nicht umgesetzt wurde.

Auf Landesebene wurden die Rahmenlehrpläne überarbeitet und, wie zum Beispiel in Berlin-Brandenburg, durch das Basiscurriculum Sprach- und Medienbildung ergänzt, das Kompetenzen und Standards, die erreicht werden sollen, konkret beschreibt. Eickelmann präsentiert in ihrer Expertise »Kompetenzen in der digitalen Welt« die aktuellen Ansätze aus mehreren Bundesländern. Neben Berlin-Brandenburg werden der Masterplan Medienbildung aus Bremen vorgestellt, das Rahmenkonzept zur Medienkompetenzförderung aus Hamburg und der Hamburger Medienpass sowie Programme und Initiativen aus Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, zum Beispiel OER@RLP. Damit diese Ansätze Eingang in den Schulalltag finden, sind vor allem die Schulleitungen gefordert, Medienkonzepte zu entwickeln, die danach fragen, welches Fach welchen konkreten Beitrag zur Umsetzung digitaler Kompetenzen leisten kann. Das wird ohne begleitende Fortbildungsangebote und die passende Ausstattung nicht gelingen. Doch auch in der Lehrkräftebildung gibt es gute Ansätze. Die Universität Bremen hat einen Medienfachtag etabliert, die Technische Universität Kaiserlautern hat das Projekt »Unified Education« gestartet. In Hamburg, wie auch in anderen Bundesländern, berät das Landesinstitut für Lehrer*innenbildung und Schulentwicklung Schulen bei der Erstellung von Medienkonzepten. Klett MINT hat mit der Initiative #excitingEDU ein überregionales Netzwerk ins Leben gerufen.

Um ein leistungsstarkes, durchlässiges und sozial ge-rechtes Bildungssystem zu erreichen, sind Veränderungen auf allen Ebenen nötig, die vielfach schon in Angriff genommen wurden. Dazu gehören mehr und bessere Angebote der frühkindlichen Bildung, individuelle Förderung, der Ausbau guter Ganztagsschulen, Durchlässigkeit und Flexibilität im System sowie, ganz zentral, Investitionen in digitale Bildung. Der Umbau zu einem besser ausgestatteten Bildungssystem mit einer neuen Lehr- und Lernkultur und Unterrichtsqualität wird weitere Zeit brauchen. Aber viele Schulen zeigen, dass er möglich ist und manche Länder bereits auf dem richtigen Weg sind.