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Willkommen in der KitaWir müssen das schaffen

Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration liegt in der Kommunikation. Daher braucht es SprachmittlerInnen, Fortbildungen und Kreativität.

02.02.2016 - vom Cem Erkisi

Spätestens mit dem neuen Kitajahr sind geflüch­tete syrische Kinder in den Berliner Kitas zum Thema geworden. Die Flüchtlingskrise aus dem fer­nen Italien und noch ferneren Griechenland hat auch uns erreicht. Die Geflüchteten werden in den Turn­hallen unserer Nachbarschaft notuntergebracht. Und wenn man unumgänglich in seinem Arbeitsalltag damit konfrontiert wird, was der Ausspruch »Wir schaffen das!« bedeuten könnte, denkt man pragma­tisch und formuliert ihn um: »Wir müssen das schaf­fen!« Der positive Wahlslogan wird durch eine Durchhalteparole ersetzt. Dieser Realismus ergibt sich durch die Konfrontation mit nicht aufhörenden Problemen. Die Willkommenskultur ist gerade auf dem besten Weg zum One­Hit­Wonder.

Im Kita­Alltag liegt schon im ersten Schritt, der Kommunikation, die erste Hürde: Arabisch ist unter Kitafachkräften nicht weit verbreitet. Zum Glück hel­fen oft arabischsprachige Eltern bei der Anmeldung oder bei Notfällen während der Eingewöhnung. Aber das Gros der Gespräche wird mit Behelfsmitteln wie Wörterbüchern geführt. Die professionellen Dolmet­scherInnen fehlen im Alltag, sind für eine zweiwö­chige Eingewöhnung zu teuer. Nur in Ausnahmefäl­len werden sie zum Elterngespräch dazu geholt. Die für unsere Arbeit so wichtige Erziehungspartner­schaft kann somit aufgrund der sprachlichen Barri­ere nicht in vollem Umfang erfolgen. Damit ergeben sich auch für die Kinder Schwierigkeiten bei der so­zial­emotionalen Öffnung für ihre neue Lebenssitu­ation, denn auch sie merken den holprigen Umgang der Erwachsenen miteinander.

Erleichterung durch Fortbildungen

Den Kitafachkräften fehlen Erfahrungen und Kennt­nisse im Umgang mit Geflüchteten. Leider gibt es hierzu bisher keine Fortbildungen und viele verlas­sen sich im Arbeitsalltag auf ihr Bauchgefühl. Ohne dieses Bauchgefühl und unsere sonstige Berufserfah­rung wären wir mit noch mehr Schwierigkeiten kon­frontiert. Doch das Bauchgefühl kann irren: Viel­leicht reagieren wir hypersensibel auf auffällige Verhaltensweisen, wie die Angst vor Hunden, und setzen diese in Zusammenhang mit der Flucht. An­dere Verhaltensweisen können wir oft gar nicht erst in Zusammenhang mit der Flucht bringen. Der has­tige Verzehr von Mahlzeiten sei hier nur als ein Bei­spiel erwähnt. Wir Kitafachkräfte können keine Trau­mata therapieren. Dies erlernen wir auch nicht mit dem Besuch einer Fortbildung. Dennoch dürften Fortbildungen, die Flucht und Migration aus Syrien thematisieren, uns in unserer Arbeit helfen. Sie er­leichtern uns die Arbeit und ermöglichen es uns, die Kinder und ihre Eltern bei der Rückgewinnung eines sorgenfreien Alltags zu unterstützen.

Willkommenskultur braucht Gestaltung

Es bedarf einer effektiveren Vernetzung innerhalb der Träger und auch trägerübergreifend, um Erfah­rungen und Informationen schneller auszutau­schen. Dies kann über die Leitungskräfte in den Einrichtungen erfolgen. Sofort notwendig ist ein Erste­Hil­fe­Ordner mit den wichtigsten Telefonnummern, darunter ein Pool von flexiblen Dolmetsche­rInnen. Dafür werden sowohl personelle als auch finanzielle Ressourcen benötigt. Nur so ist es möglich, die sprachlichen Barrieren zu überwinden.

Eine andere spannende Mög­lichkeit zur Integration könnte darin bestehen, geflüchteten El­tern anzubieten, kleinere Tätig­keiten in benachbarten Kitas oder Schulen zu übernehmen. Leider würde dies momentan an den behördlichen Hürden schei­tern. Dabei ist niemandem ge­holfen, wenn die Eltern in den Flüchtlingsunterkünften nichts als warten. Wenn wir die Eltern mit einbeziehen, dann profitieren alle davon. Die angespannte personelle Lage an Kitas und Schulen erführe Entlastung. Die Eltern könnten sich wieder in Aufgaben verwirklichen und nebenbei die Sprache erlernen. Nicht zuletzt baut ein gemeinsames Anpa­cken auch Ängste ab. Dies gilt sowohl für die Ge­flüchteten in einer neuen, noch fremden Heimat, als auch für die Menschen vor Ort, die so die noch Fremden kennenlernen könnten. So sollte Willkom­menskultur aussehen.Wir müssen das schaffen. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration liegt in der Kommunikation. Daher braucht es SprachmittlerInnen, Fortbildungen und Kreativität.