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Schwerpunkt "Was bleibt von Corona"

Eine Chance für die Jugendarbeit

Im Street College bestimmen die Jugendlichen was, wann, wie und mit wem sie lernen. In der Pandemie mussten einige Angebote umstrukturiert werden und viele Jugendliche haben darüber erst ihren Weg in das Street College gefunden.

Atemschutzmasken auf der Wäscheleine.
Foto: Adobe Stock

Das Street College ist ein Projekt von Gangway – Straßensozialarbeit in Berlin e.V., welches den Grundsätzen der Freiwilligkeit, Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortlichkeit folgt. Das Street College ist prinzipiell offen für alle Jugendlichen, die sich für Bildung interessieren. Entsprungen ist das Street College vor allem aus der Erfahrung, dass reguläre Bildungseinrichtungen häufig nicht auf die Bedarfe von jungen Menschen in multiplen Problemlagen oder mit Inselbegabungen eingestellt sind. Das Recht auf Bildung, auf Förderung der individuellen Entwicklung verwirklicht sich für diese Jugendlichen nicht. Das Street College schafft hier – mit radikal bedarfs- und kompetenzorientierten Ansätzen – Zugänge, um Barrierefreiheit auf allen Ebenen zu gewährleisten.

Wer sich heute den Kursplan des Street College anschaut, wird einer Vielfalt an künstlerischen Fächern wie beispielsweise Modedesign, Zeichnen, Siebdruck, Gesang, DJing oder elektronische Musikproduktion finden. Einen großen Raum nimmt das LernLabor ein. Hier bereiten sich junge Menschen, die nicht mehr zur Schule gehen und ihre Schulpflicht erfüllt haben, auf den nachträglichen Erwerb eines Schulabschlusses vor.

Bildungsbrüche: Die Pandemie als Verstärker

Die Angebote des Street College werden vorwiegend von jungen Menschen in multiplen Problemlagen genutzt, die schon in jungen Jahren auf erhebliche Brüche in ihren Bildungsbiografien zurückblicken können. Viele dieser jungen Menschen wurden auch während der Pandemie zurückgelassen und konnten nicht teilhaben an den vielen, kreativen Methoden des digitalen Lernens. Schlicht, da ihnen die technischen Voraussetzungen dazu fehlten: keine Computer oder nur einen pro Familie, kein Internetzugang, kein Raum, um in Ruhe zu lernen. Diese Menschen sind nicht bildungsfern. Sie sind arm. Sie haben einen Fluchthintergrund. Oder psychische Besonderheiten.

Als das Street College im März 2020, eine Woche vor dem offiziellen Lockdown, seine Tore schloss, verfielen wir – ein Team von sechs Festangestellten und circa 25 freien Dozent*innen – kurzzeitig in Hektik: Wie wollen wir digitales Lernen gestalten? Was bieten wir an? Wer hat welche Ideen? Dann haben wir diesen Prozess gestoppt und uns auf unsere Grundsätze besonnen.

Bedarfe im Fokus

Erst einmal haben wir uns um unsere Dozent*innen gekümmert: Was brauchen sie, um finanziell abgesichert zu sein? Was brauchen sie, um mit der Pandemie umgehen zu können? Was brauchen sie, um die Kraft und die Freiheit zu haben, sich den Studierenden des Street College und deren Bedarfen zu widmen? Neben den Informationen zu Corona-Hilfen ging es hier vor allem um eine Plattform, die einen persönlichen Austausch über unser aller psychischer Verfasstheit ermöglichte.

Dann fand, über den gesamten Zeitraum der Pandemie, eine andauernde Bedarfsabfrage statt, welche zu den unterschiedlichsten Lösungen führte: Online-Unterricht der einzeln oder in Gruppen durchgeführt wurde, gemeinsame Spaziergänge, der Austausch von Lernmaterialien und dazu regelmäßige Telefonate, Projekte im kreativen Bereich, in denen sich die Studierenden online und offline zum Austausch getroffen haben, und einzeln oder in kleinen Gruppen ihre künstlerischen Arbeiten verwirklichen konnten.

Wir haben Computer verliehen und beispielsweise in einer Unterkunft für Geflüchtete einen Lernraum mit Internetzugang eingerichtet, wir haben Menschen den Zugang zum Netz ermöglicht. Individuell, schnell und orientiert an den jeweiligen Bedarfen.

Sobald Treffen im Freien wieder möglich waren, haben wir Unterrichte nach draußen verlegt und die Sommer genutzt, um intensive, interdisziplinäre Summer-Camps zu veranstalten. Wir haben konsequent eine »Politik der offenen Türen« verfolgt. Das heißt: Das Haus war immer, den jeweils geltenden Hygienemaßnahmen entsprechend, geöffnet. Für diejenigen, die zuhause keine technischen Geräte oder keinen Zugang zum Internet hatten oder einfach mal raus mussten.

Chancen, die in der Not entstehen

Über den gesamten Zeitraum der Pandemie sind viele junge Menschen bei uns angekommen, für die der Online-Unterricht eine Möglichkeit war, sich überhaupt wieder in Lernsettings zu begeben: Weil sie lieber selbstbestimmt lernen. Weil sie nicht so gut mit Menschengruppen klarkommen. Weil sie nicht in Berlin leben und in ihrer Region kein vergleichbares Projekt zu finden ist.

Zum Beispiel die junge Frau, die auch sonst ihre vier Wände nicht gerne verlässt und sich lieber alleine zuhause Japanisch beibringt. In Zoom-Meetings wirkte sie reflektiert und hochintelligent, hatte aber die Kamera konsequent aus. Sie hat im Sommer ihren MSA bestanden und beim Abschlussfest in unserem Garten wirkte sie wesentlich offener. Dies zeigt auch, welche Möglichkeiten sich durch das Einbeziehen von Online-Unterricht ergeben haben. Ein Format, welches wir nach Bedarf in Zukunft beibehalten werden.

Andere wiederum hätten wir fast verloren, da sie den direkten Kontakt brauchen wie die Luft zum Atmen. Auch die kreativen Kurse waren durch die Einschränkungen stark betroffen. Im Winter hatte sich dennoch eine interdisziplinäre Gruppe junger Menschen gefunden, die sich in Wort, Film, Musik und Zeichnen mit dem Thema »Utopie« auseinandergesetzt haben. Eine Beschäftigung mit einer positiven Zukunft, an der sie auch andere teilhaben lassen wollten. Den größten Output hatte die Gruppe dann, als sie im Garten eine gemeinsame Woche verbracht hat und ihre Ergebnisse präsentieren konnte.

Ein Ausblick

In der Pandemie wurde sichtbar, wie wenig junge Menschen mit einbezogen werden, wenn es um ihre Belange geht: Es wird – im besten Fall – über sie geredet. Nicht mit ihnen.

Wir wurden dadurch nochmals darin bestärkt, an den individuellen Bedarfen und Stärken der Einzelnen anzusetzen und selbstbestimmtes und freiwilliges Lernen zu ermöglichen.

Es kann nicht die eine Lösung für alle geben. Es braucht Lernsettings, die der Vielfalt der Lernenden Raum zur Entfaltung geben. Es braucht politische Rahmenbedingungen und Menschen, die daran interessiert, sind dies zu ermöglichen.

Einige junge Menschen haben sich gerade zusammengefunden, um mit ihrem Blick auf Lernen, ihren Erfahrungen und den daraus entstehenden Forderungen auf Politiker*innen zuzugehen und den Dialog zu suchen. Sie wollen ihre Bildung selbst gestalten und Demokratie beim Lernen erleben. Sie wollen multiprofessionelle Teams in sicheren Räumen, um Lernen ganzheitlich zu erfahren. Sie wollen radikal bedarfsorientiert Lernen und Vielfalt leben. Sie nehmen das bestehende Bildungssystem häufig als zu starr war. Es vernachlässigt die individuellen Bedürfnisse der Lernenden und kann somit nicht auf die wachsenden Herausforderungen der Gesellschaft reagieren. Sie haben echte Alternativen gesehen, die zurzeit zwar nur Notlösungen darstellen, aber in die richtige Richtung weisen. Und solange das noch nicht überall verwirklicht ist, werden wir ihnen diesen Raum zur Verfügung stellen.   

Mehr Räume für offene Bildungsangebote fordert auch die Landesarbeitsgemeinschaft der Offenen Kinder- und Jugendarbeit hier

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher